Sachbücher

Bettelheim: Kinder brauchen Märchen


Anspruchsvolles Märchen-Sachbuch für Erwachsene
Autor: Bruno Bettelheim
12 €
Taschenbuch 395 Seiten, o. Abb.

***** (5 von 5 Sternen)

Moderne Eltern finden klassische Märchen häufig zu brutal, wenn denn die böse Stiefmutter in rotglühden Schuhen tanzen muss, bis sie tot umfällt oder die Hexe im Backofen verbrennt. Kinder nicht. Kinder finden es nur richtig, dass das Gute am Ende über das Böse siegt. Und Bettelheim plädiert dafür, Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind, und ihnen zu geben, was sie brauchen. Es ist nicht die reale böse Stiefmutter, die da vernichtet wird, sondern es sind die bösen Wünsche im Kind selbst oder aber der Teil in der realen Mutter, die gerade einmal sich nicht so verhält, wie das Kind es gerne hätte.

Märchen geben Kindern die Möglichkeit, ihre Gewaltphantasien gewaltfrei zu verarbeiten. Sie geben ihm die Möglichkeit, zu wachsen und zu reifen durch subtile Fingerzeige. Das ideale Märchen für Bettelheim ist nicht die platte Tierfabel oder ein Perraultsches Märchen mit der der ebenso platten Moral am Schluss. Ein ideales Märchen stellt vielmehr dem Kind frei, an welcher Figur es sich orientieren will, und erlaubt vielschichtige Einsichten und Interpretationen je nach Alter des Kindes. Wichtig ist dem Psychologen Bettelheim, dass das Märchen "gut" endet und das Kind nicht der Verzweiflung überläßt. Andersens Märchen wie "Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern" sind für ihn Märchen für Erwachsene - und nicht für Kinder. Und moderne Kindergeschichten? Sie bleiben viel zu häufig eindimensional und an der Oberfläche und helfen dem Kind nicht wirklich, seine wichtigsten inneren Konflikte wie Eifersucht auf die Geschwister, ödipale Liebe und Wut zu bewältigen.

Bruno Bettelheim wurde 1903 in Wien geboren, emigrierte während der Nazizeit in die USA und war dort Professor für Erziehungswissenschaften, Psychologie und Psychiatrie. Er starb 1990 in Maryland.

Den Umschlag der deutschen Taschenbuchausgabe ziert das Foto eines dunkelhaarigen Mädchens mit langen Zöpfen, das einen aus faszinierenden, schwarzen, großen Augen unverwandt leicht von unten anschaut. Mit seinem braven weißen Kleidkragen könnte es direkt einem Märchen entsprungen sein und stimmte mich ideal auf die Lektüre ein. Dieser Blick läßt einen so schnell nicht wieder los!

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http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423350288/holleland-21

(c) 1975, 1976 Bruno Bettelheim. Originaltitel "The Uses of Enchantment" (wie poetisch im Vergleich zum deutschen Titel!!)
(c) 1977 der deutschsprachigen Ausgabe DVA München. Taschenbuchausgabe bei dtv, München Januar 1980, 28. Auflage Januar 2008. Ungekürzte Ausgabe.
ISBN-13: 978-3-423-35028-0

Brüder Grimm-Journal

Kategorie: Zeitschrift für Erwachsene
Herausgeber: Bernhard Lauer im Auftrag des Vorstandes der Brüder Grimm-Gesellschaft e.V.
36 S., A4, 4farbig
€ 3,-- pro Heft, plus Versandkosten

***oo (3 von 5 Sternen)

Diese reich bebilderte Zeitschrift erscheint seit 2006 einmal pro Jahr und gibt einen Überblick über weltweite Aktivitäten, die in irgendeinem Zusammenhang mit den Grimms stehen. Das reicht von Spurensuche nach der Familie Grimm auf deutschen Friedhöfen, über die Eröffnung eines neuen Museums in Steinau an der Straße (issich zwischen Frankfurt und Leipzich, aber mehr bei Frankfurt als bei Leipzich), bis hin zu Besprechungen von Grimm-Sachbüchern in allen nur erdenklichen Sprachen und zu Ausstellungen, Veranstaltungen und Projekten. Jedes Heft widmet sich einem Schwerpunktthema. In dem mir vorliegenden 2006er ist das Frau Holle (Märchen - Sage - Mythos), im 2007er Kinderliteratur (Bücher öffnen Welten --- ja, wer hätte das gedacht???, Anm.d.Autorin), im 2008er Grimms Märchen (Urdeutscher Mythos?).

Für alle großen Grimm-Fans ist diese Zeitschrift (Auflage immerhin 5.000 Exemplare!) gewißlich ein Muss, für mich als matriarchal interessierter Märchen-Mythen-Frau jedoch nicht zwingend notwendig - zumal Herr Lauer bestimmt viele fachliche Qualitäten hat, aber kein Künstler ist. Und so lesen sich denn seine Buchbesprechungen wie eine Aneinderreihung von Grabsteinen mit Geburts- und Todesdaten, wobei es mir nicht einleuchten will, wie Wilhelm Grimms Tochter Auguste schon 1819 gestorben sein soll, obwohl ihr Papa doch erst 1825 geheiratet und Auguste angeblich das Kindesalter überlebt hat...

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(c) Brüder Grimm-Gesellschaft e.V., Kassel, and the authors

Doebel: Archetypische Deutung des Märchens "Frau Holle" der Brüder Grimm

Mythen-Sachbuch für Erwachsene

Autorin: Susanne Doebel

Untertitel: Im Sinne der Tiefenpsychologie von C.G. Jung und Marie-Louise von Franz.

*○○○○ (1 von 5 Sternen)

Diese Arbeit (82 Seiten A4) gibt sich den Anschein der Wissenschaftlichkeit, ist jedoch gespickt mit den Träumen der Autorin und ihrer Bekannten. Frau Doebel ist keine Psychologin oder Psychoanalytikerin, sondern Fremdsprachenkorrespondentin, Coacherin und systemische Naturtherapeutin (was auch immer das sein mag) sowie Geschäftsführerin des Spektrum Instituts. Die Arbeit leidet darunter, dass sie (außer Jung und von Franz) fast keine Originalquellen zitiert, sondern nach Sekundär- bis Tertiärliteratur, die großenteils auch noch esoterisch geprägt ist. Am Ende der Arbeit fehlt ein Abbildungsnachweis, sodass sich der Verdacht aufdrängt, die Autorin könnte eventuell die Bildrechte nicht ordentlich eingeholt haben. Wenn Sie noch nie etwas von einem Archetypus gehört haben, können Sie mal einen Blick hineinwerfen und schaudern.

Nachtrag: Wie gefährlich für uns die Archetypen-Lehre Jungs per se ist, läßt sich sehr schön nachlesen bei Heide Göttner-Abendroth: "Der nüchterne, wissenschaftliche Weg schlägt mit Hilfe von Archäologie, Ethnologie und Folkloristik die Brücke durch die einzelnen Jahrtausende. Damit werden solche Begriffe wie das "kollektive Unbewußte" und "Archetypen" überflüssig. Sie erweisen sich als theoretische Hilfskonstrukte mangels einer besseren historischen Erklärung. Die Flucht in den Transzendentalismus, der sie zu Wesenheiten an sich erklärt, die man nicht fassen kann - warum soll man sich dann mit ihnen beschäftigen?-, ist zuletzt die Immunisierungsstrategie für die eigene, angreifbare Theorie. Wenn Jung sich inhaltlich über seine Archetypen ausläßt, wird die Angelegehheit von einer anderen Seite her problematisch. Es zeigt sich, dass diese Begriffe mit Vorstellungen gefüllt sind, die aus den ideologisch geprägten Weiblichkeits- und Männlichkeitsbildern der Gegenwart stammen statt aus den Bedeutungen, welche diese Bilder im Rahmen ihrer eigenen Kulturen hatten (...) Eine solche Psychologie bietet Frauen nur den Schein ihrer Selbstfindung. In Wahrheit hat sie immense Entlastungsfunktionen für Männer, weshalb sie von diesen so wichtig genommen wird." (in: Das Matriarchat I, Geschichte seiner Erforschung, S. 124ff, (c) Kohlhammer GmbH, Stuttgart 1988, 1995. Zum Bestellen dieses äußerst wissenschaftlichen und trotzdem nicht trockenen Buches können Sie auf folgenden Link klicken:
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(c) das o.g. Holle-Machwerks: Susanne Doebel, Steingaden 2004. Veröffentlicht auf der Homepage: http://www.spektrum-institut.de/downloads/frauholle.pdf

Drewermann: Frau Holle

Drewermann: Frau Holle
Untertitel: Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
Autor: Dr. Eugen Drewermann
72 Seiten, gebunden, mit 8 farbigen Abb.
€ 18,00

***oo (3 von 5 Sternen)

Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich fasziniert und hätte ihm glatt 5 von 5 Sternen gegeben. Bei der zweiten Lektüre nun war ich sehr viel kritischer. Drewermann ist ziemlich bekannt: Ein hochgebildeter, exkommunizierter Priester, das findet man selten. So belesen der Autor aber auch sein mag, in diesem Buch hat er sich selbst gleich mehrere Beine gestellt!

Den Untertitel führt er schon im Vorwort ad absurdum, darauf hinweisend, dass Frau Holle eigentlich kein Märchen, sondern ein Mythos ist, und als solcher philosophisch und nicht tiefenpsychologisch gedeutet werden muss. Das hindert Drewermann jedoch nicht daran, im folgenden immer weiter vom Märchen zu sprechen - mit dem Mythos tut er sich sichtlich schwer und stolpert ein ums andere Mal über den Saum seiner Priesterkutte. Seiner Meinung nach geht es in dem "Märchen" um die "ewige Frage" des Glücks des Bösen und des Unglücks des Guten (und darum, wie denn letztlich doch das Gute siegt), um die Geburt und das Schicksal von Sonne und Mond - wobei die Sonne gut und der Mond böse sei.

Nun ist das allererste Problem: Das steht da gar nicht - und während wir bei Heinrich Heine oder Goethe davon ausgehen dürfen, dass sie nicht alles gesagt, was sie gemeint haben, so wäre Frau Holle doch meines Wissens der erste Mythos, der von der Entstehung von Sonne und Mond berichtet, ohne explizit auch von Sonne und Mond zu sprechen. Auch alle Parallelen, die Drewermann anführt, sprechen von einem Sonnenmädchen usw. - und nicht von einer Goldmarie.

Das zweite Problem: Warum sollte in einem vorchristlichen Mythos, der von der Großen Göttin berichtet (wie Drewermann richtig bemerkt), der Mond wohl faul und "böse" sein? Waren nicht vielmehr die ersten Kalender Mondkalender? War nicht der Mond gut, weil den Göttinnen heilig? Der Widerspruch, dass hier der Mond der Sonne angeblich nachfolgt, fällt übrigens sogar unserem Autor auf. Und wenn es doch um Gehorsam gegenüber den Dingen gehen soll, der dazu führe, dass das Sonnenmädchen Goldmarie wieder zurück auf die Erde wolle jedes Jahr wieder im Frühjahr (die Stiefmutter ist angeblich die "Frau Welt"), warum sollte dann der faule, ungehorsame Mond es ihm gleich tun, Monat für Monat? Das ist unlogisch! Allerdings vermute ich, dass der Autor den Mond nicht mag, und eventuell ihn sogar fürchtet.

Überhaupt bezweifle ich, dass es hier um den Gegensatz von Gut und Böse geht. Ja, es geht um den Gegensatz von fleißig und faul, von schön und hässlich. Und es geht um die Initiation in einen vorchristlichen Kult in christlicher Zeit. Eine Initiation, die gelingen kann, auch wenn die liebende Mutter, die ein Mädchen sanft darauf vorbereiten könnte, gestorben ist. Und die misslingen muss, wenn das vorchristliche Wissen von der Natur und die Freude an ihr verlorengegangen sind. Das ist traurig, aber nicht böse. Das ist so häßlich wie eine vierspurige Autostraße und eine Stunde RTL sehen, aber nicht teuflisch.

Trotzdem empfehle ich Ihnen die Drewermann-Lektüre: Der Mann ist wohlmeinend und belesen, wenn auch etwas verklemmt.

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(c) 1982, 2003 Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich

Francia: Mond, Tanz, Magie


Magisches Tanzen für jedefrau
Autorin: Luisa Francia
Fotografin: Inea Gukema (die Luisa fotografiert hat)
144 Seiten mit zahlreichen s/w-Abb.
23,6 x 16,7 x 1,4 cm, Softcover
€ 14,90

***** (5 von 5 Sternen)

Bevor das Sonnenjahr mit seinen 12 Monaten eingeführt wurde (wobei immerhin noch das Wort Monat an den Mond erinnert), lebten die Menschen nach dem Mondjahr, und ein Jahreszeitenzyklus umfasste 12 oder 13 Monde. Deswegen galt die 13. Fee auch früher nicht als die Böse und hatte Dornröschens Papa ein Problem mit seinen 12 goldenen Tellern (das Märchen schildert den Übergang vom alten Mond- zum Sonnenzyklus). Nur in wenigen Jahresfesten schimmert das alte Mondjahr noch durch, z.B. wird Ostern am ersten Vollmond nach der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche gefeiert. Luisa, die eine echte Hexe ist, hat sich der einzelnen Monde angenommen und Tänze dazu kreiert. Die Zählung beginnt sie an Halloween, aber es ist natürlich jeder Frau frei gestellt, das Neujahr nach Gutdünken beginnen zu lassen - Luisa ist keine Religionsstifterin. Ihr sechster Mondtanz z.B. ist ein Ostervollmondtanz. Er beschäftigt sich mit Fruchtbarkeit, Eierlaufen, Gebildbroten, Hasen (dem uralten Symboltier des Mondes und der ständigen Erneuerung des Lebens), dem Vor-stellen, Ein-bilden und dem Sehen, der Vision. Zum Beispiel auch dem Sehen von Feen wie der Fata Morgana, die in der Tiefe des grünen Meeres wohnt, der Königin von Avalon oder der 13. alten, matriarchalen Fee in Dornröschen. Das Kauen oder Trinken von Pfefferminze hilft dabei.

Viele, viele Informationen und 13 Tänze können Sie bestellen über folgenden Link:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3881041524/holleland-21

(c) Verlag Frauenoffensive 1986

GardenStone: Göttin Holle

Untertitel laut Umschlag: Auf der Suche nach einer alten Göttin.
Untertitel 1 im Innenteil: Auf der Suche nach einer GERMANISCHEN Göttin (sic!)
Untertitel 2 im Innenteil: Frau Holle in Märchen, Sagen, Legenden, Gedichten, Gebräuchen und in der Mythologie
Zweite vollständig überarbeitete Ausgabe
© GardenStone, Usingen 2002-2006
ISBN 3-8334-4579-3
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt
232 S. mit zahlreichen s/w und 4c-Abb.
Tschenbuch, € 18,00

***oo (3 von 5 Sternen)

Ja, der Mann ist kenntnisreich. Das vorliegende Buch ist angenehm zu lesen und in Form einer „Queste“ geschrieben, einer Suchfahrt. Auf neun verschiedenen Wegen kann die Leserin/der Leser sich Frau Holle nähern und dabei erfahren, dass sie weit mehr ist als eine Grimmsche Märchenfigur – nämlich eine vorchristliche Göttin, die als Märchen- und Sagengestalt Christianisierung und Hexenverbrennung überlebt hat. Die neun Pfade der Queste...

* führen zum Hohen Meißner in Nordhessen, wo auch heute noch Frau Holle lebendig ist,
* beschreiben die Holle-Pflanzen Holunder, Maßholder, Wacholder, Linde und das Liebfrauenbettstroh (den Waldmeister),
* beschreiten den Weg der Märchen sowie
* den Weg der Sagen,
* beschreiben Gebräuche und Volkswissen über Frau Holle,
* beschreiten anschließend den Weg der Poesie,
* den Weg der Forschung und
* den Weg der Theorie und lassen uns abschließend
* genießen mit Frau Holle.
Warum aber nur drei von fünf Sternen? Weil der Autor leider bei seiner Queste nicht weiter zurückgeht als bis zur germanischen Frigga/Freya, zur Gattin Odins/Wotans oder von wem auch immer. An wenigen Stellen ahnt er, dass es wohl auch eine Zeit vor der Germanisierung Deutschlands gegeben haben könnte, aber wenn dieser Ausblick erscheint, verschließt er schnell die Augen, ebenso vor dem Widerspruch, dass in der ganz überwiegenden Anzahl der Holle-Märchen, -Sagen usw. diese alte Göttin eben nicht als „Gattin von“ auftritt, sondern solo. Ihre Gestalt weist zurück auf die Zeit vor Auftreten männlicher Gottheiten, auf die älteste Jungsteinzeit, auf das gerade beginnende Sesshaftwerden der Menschen, und letztlich auf die großen Muttergöttinnen der Altsteinzeit. Das aber ist GardenStone zu gefährlich, und so beschäftigt er sich lieber mit Richard Wagner und den Questen der Nazis – mit dem Problem, dass er sich regelmäßig von diesen abgrenzen muss. Schaaade drum. Trotzdem ein lesenswertes Büchlein, wenn wir im Auge behalten, dass er geschichtlich bei seiner Queste nur den halben Weg zurück gegangen ist.

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Erstellt am 29.10.2011

Gimbutas: The Goddesses and Gods of Old Europe

Gimbutas: The Goddesses and Gods of Old EuropeUntertitel: Myths and Cult Images. 6.500 – 3.500 B.C.
Fachbuch für Erwachsene
Autorin: Marija Gimbutas
304 S., Softcover, 17,99 €
252 Großillustrationen sowie 171 Abb. Im Text, 8 Karten

***** (5 von 5 Sternen)

Erstellt: 26. Okt. 2010

Marija Gimbutas (1921-1994) war eine außergewöhnliche Frau: Studium in Litauen und Deutschland, Auswanderung in die USA, berühmte Archäologin, vielfach ausgezeichnet, Ehefrau, dreifache Mutter, Leiterin von fünf bedeutenden Ausgrabungen im ehemaligen Jugoslawien, in Griechenland und Italien, Querdenkerin, Feministin, interdisziplinär arbeitend, bevor das in Mode kam.

Ihr hier vorliegendes Fachbuch hat von der ersten zur zweiten Auflage eine kleine, aber feine Titeländerung durchgemacht: Ursprünglich hatte es Gimbutas noch ganz traditionell „The Gods and Goddesses of Old Europe“ genannt, obwohl doch die überwältigende Mehrheit der Funde Göttinnendarstellungen sind.

Wie könnte die Religion in vorgeschichtlicher Zeit ausgesehen haben? Was erzählen die archäologischen Funde, wenn wir nur genau genug hinschauen und die verschiedenen Ausgrabungsorte miteinander vergleichen? Wie haben die Menschen gelebt, bevor die kriegerischen Indoeuropäer zu uns kamen?

Auch wenn dies ein Fachbuch ist – noch dazu ein englischsprachiges: Ackern Sie sich durch, es ist spannend! Sie werden dann bestimmt zu ähnlichen Schlussfolgerungen kommen wie Marija Gimbutas (Übersetzung von mir): „Im Alten Europa war die mythische Welt nicht polarisiert zwischen Frauen und Männern wie bei den Indoeuropäern und vielen anderen nomadischen und Hirtenvölkern der Steppen. Beide Prinzipien manifestierten sich Seite an Seite. Die männliche Gottheit in Gestalt eines jungen Mannes oder eines männlichen Tieres scheint die Kräfte der kreativen und aktiven Göttin zu bestätigen und zu verstärken. Niemand ist dem anderen untergeordnet; indem das Männliche und das Weibliche einander ergänzen, verdoppelt sich stattdessen ihre Macht.
Das zentrale Thema bei der Aufführung von Mythen war offensichtlich die Feier der Geburt eines Kindes. Das Baby als Symbol eines neuen Lebens und der Hoffnung auf Überleben wird umarmt von Göttinnen mit Schlangen-, Vogel- und Bärmasken. Maskierte Ammen, die einen Sack tragen, (…) scheinen eine Rolle als Beschützerinnen des Kindes gespielt zu haben, das später erwachsen und ein junger Gott wurde. (…) Dionysius ist eng verbunden mit der Großen Göttin in ihrem Aspekt der Jungfrau-Natur-Göttin und der Vegetationsgöttin. Alle sind Gottheiten des Lebenszyklusses der Natur, befasst mit dem Problem von Tod und Wiedergeburt, und alle wurden verehrt als Symbole des überschäumenden Lebens.
Das Pantheon reflektiert eine Gesellschaft, die von der Mutter dominiert wurde. Die Rolle der Frau war der des Mannes nicht untergeordnet, und vieles, was zwischen dem Beginn der Jungsteinzeit und der Blüte der Minoischen Zivilisation erfunden wurde, war das Ergebnis dieser Struktur, in der alle Möglichkeiten der menschlichen Natur, weibliche und männliche, als kreative Kräfte voll ausgeschöpft wurden.“ (S. 237 f)

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© 1974, 1982 Thames & Hudson Ltd., London, U.K.

Göttner-Abendroth: Die Göttin und ihr Heros

Göttner: Göttin und HerosUntertitel: Die matriarchalen Religionen in Mythos, Märchen und Dichtung
Autorin: Heide Göttner-Abendroth
Taschenbuch, 252 Seiten, mit vielen s/w-Abbildungen
ISBN 3-88104-096-X
Nur antiquarisch erhältlich, ab € 8,90

***** (5 von 5 Sternen)

In ihrem 1980 erstmals erschienenen Buch geht Göttner-Abendroth von der These aus, dass in den vorpatriarchalen Gesellschaften der Alten Welt (bei ihr bis ca. 1.000 v.u.Z.) die große Göttin von einem männlichen Heros begleitet wurde. Es ist in der Forschung durchaus umstritten, ob dieser Geliebte und Sohn der Göttin in den Augen der Gläubigen ursprünglich nur ein Heros oder nicht doch von Anbeginn selbst ein Gott war. Mich selbst interessiert mehr die Beziehung zwischen der Göttin und ihrem Geliebten, und ich lasse die Streitfrage für mich unbeantwortet. Der Heros (oder Gott) feierte mit der großen Göttin jedes Frühjahr die Heilige Hochzeit, damit das Land fruchtbar werde, und erlitt jeden Herbst den Opfertod, um schließlich im nächsten Frühjahr wiedergeboren zu werden. Diese Grundstrukture der Göttin-Heros-Beziehung gräbt Göttner-Abendroth nun quasi archäologisch aus den uns heute noch bekannten, aber seit der Ankunft der indogermanischen Stämme patriarchal überformten Mythen, Märchen und Dichtungen aus:

Artemis und Aktaion, Aphrodite und Adonis, Athene und Erechtheus – sie sind geschichtlich älter als der hellenische Usurpator Zeus. In der prä-hellenischen Form des Mythos wird Athene denn auch nicht aus dem Haupt des Zeus, sondern am Ufer des Tritonsees in Libyen geboren. In Kreta begegnen uns Demeter und Iakchos, Rhea und ein prä-olympischer Zeus, Hera und ein immer noch prä-olympischer Zeus und schließlich Hera und Herakles, dessen Name nichts anderes bedeutet als „Ruhm der Hera“.

Weiter geht die Reise durch Ägypten (Isis und Osiris), Babylon, Persien, Indien, Kleinasien und Palästina, wo der patriarchale Herrgott später alle Hände voll zu tun hat, um von einer Jehva = Eva zu einem männlichen Jehova zu werden und ihren Heros Adam über sie zu stellen. Bei den Kelten begegnen uns u.a. noch die vorkeltischen Paare Dagda und Dana (von der die Donau ihren Namen hat) oder Bran und Modron (die uns später als Fee Morgane über den Weg laufen wird). Bei den Germanen sind es die vorgermanischen Jörd/Nerthus und Tyr, Freyja und Freyr sowie Frigga und Baldur, bevor die patriarchalen Asen Odin und Thor die Herrschaft übernahmen und Frigga (genau wie die griechische Hera) zur Ehefrau degradiert wird. Aber zum Glück war da ja noch die Götterdämmerung!

Im zweiten Teil des Buches beschäftigt sich Göttner-Abendroth mit matriarchaler Mythologie in unseren Grimmschen Zaubermärchen und beleuchtet dabei drei verschiedene Gruppen von Märchen. Die erste Gruppe befasst sich mit der Reichtumsspenderin im Jenseits. In Reinform ist dies Frau Holle, bei der die Goldmarie die Kunst des Ackerbaus (Brot), der Pflanzenzucht (Apfelbaum), der Tierdomestikation (Kuh) und schließlich der Magie (Wettermachen durch Bettschütteln) erlernt. Die Göttin als jenseitige, gestorbene Mutter taucht auch in anderen Märchen auf, so in Aschenputtel oder in Schneewittchen, wo sie dem Mädchen die drei klassischen Farben der matriarchalen Göttin schenkt: weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz - und sie damit erotisch unwiderstehlich macht. Der Dreiklang genau dieser Farben wird uns später auch in den Epen begegnen – sie sind auch Lancelots Farben. Die zweite Märchengruppe zeigt die schenkende Frau im totenähnlichen Zustand (z.B. Dornröschen, vor allem in der vorgrimmschen Version) und die dritte Gruppe Heilbringermärchen wie den Froschkönig – auch er natürlich in der vorgrimmschen, deutlich erotischeren Form ausgeleuchtet.

Der letzte Teil des Buches schließlich befasst sich mit der Herrin und ihrem Helden – mit den Resten matriarchaler Mythologie in der mittelalterlichen Epik. Da ist nun König Artus nicht mehr der Gute, sondern ein unerotischer patriarchaler Kriegerkönig, und Lancelot und Parcival, vom christlichen Kitsch befreit, werden zu alten matriarchalen Heroen. Natürlich rehabilitiert die Autorin auch die Fee Morgane. Der Vorteil an der Göttner-Abendrothschen Betrachtung ist ihre Schlüssigkeit. Plätzlich versteht frau, warum die Jungens so handeln, wie sie handeln, und freut sich am Ende mit Lancelot, dem vorkeltischen Heroen:

„ Arthur will seinen Besitz: Ginevra und Britannien, lieber in Flammen aufgehen lassen als ihn herzugeben. Eine typisch patriarchale Haltung! findet (…) Lancelot, und deshalb rettet er Königin und Land vor dieser Dummheit. (…) Aber wie es so ist, lauert neben der Unterwürfigkeit (der keltischen Helden) die Falschheit: Bei (der) erstbesten Gelegenheit fallen Arthur die eigenen Vasallen (…) in den Rücken, nämlich Mordred und Anhang. Nun kann (…) Lancelot von seiner Burg der Selbstzerfleischung und dem Untergang des Artusreiches ruhig zuschauen: die (geschichtlich) späteren Helden treten ab, wie sie angetreten sind, mit Krieg. Am Ende überleben nur er und Ginevra, im schönen Lande Britannien.“ (S. 227)

Sie sehen, das liest sich spannend, und manchmal sogar vergnüglich, und ebenso aufschlussreich ist Göttner-Abendroths Analyse der Erzählungen um Tristan und Isolde (Marke als patriarchaler Kriegerkönig) und Siegfried und Brunhilde (mit Gunther als Patriarchen, der noch nicht einmal fähig ist, mit einer matriarchalen Frau wie Brunhilde die Hochzeitsnacht zu verbringen). Auch hier enden die Patriarchen im Untergang. Und heute? Loki, Lug und Pan sind tot, aber da wäre noch der Lichtträger Lucifer, von Jehova in die Hölle verbannt, der jedoch in der Apokalypse seine Fesseln zerreißen und Gott als mächtiger Rebell entgegentreten soll (sagt der Mythos). „Die weibliche Partnerin von Lucifer ist aber keine dämonische oder lächerliche Hexe, sondern eine Herrin, der er gehorcht: „Hagia Sofia“, die Heilige Weisheit selber. Sie steht mitten im Himmel, und ihr Haupt ist von Sternen bekränzt.“ (S. 230).

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http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/388104096X/holleland-21

© Verlag Frauenoffensive, München 1980, 9. Aufl. 1990

Erstellt: 2.1.2011

Huber: Die Brüder Grimm in Kassel

Die Brüder Grimm in Kassel
Reich bebildertes Sachbuch für Erwachsene
Autor: Jörg Adrian Huber
64 S., 58 s/w Abb., gebunden
€ 12,90

***** (5 von 5 Sternen)

Kenntnisreich schildert Huber das Leben von Jacob und Wilhelm Grimm in Kassel, wohin die beiden Brüder 1798 kamen, um die Schule zu besuchen, und das sie erst 1841 endgültig verließen, um in Berlin an der Preußischen Akademie der Wissenschaften zu lehren. Sein Schwerpunkt ist historisch, ich habe viel über die Napoleonischen Kriege, König Lustik und auch darüber gelernt, warum die Grimms Kassel letztlich verließen.

Nach wie vor nicht recht begreiflich ist mir die Symbiose der beiden - aber dazu hätte es natürlich nicht eines historisch-politischen, sondern eines psychologischen Ansatzes bedurft, und darum geht es in diesem Büchlein nicht: Jacob und Wilhelm Grimm haben mit kurzen Unterbrechungen ihr ganzes Leben zusammengewohnt. Den erwachsenen Brüdern führte zunächst die Schwester Lotte den Haushalt. Als sie heiratete, nahm Wilhelm Grimm sich eine neue Frau, Dorothea Wild, und die Menage à trois wurde fortgesetzt, ergänzt durch die diversen Kinder, die aus der Ehe mit Dorothea hervorgingen...

Gekrönt wird das Büchlein durch drei bebilderte Märchen in einer Fassung aus Grimms´ Zeiten: Die Sterntaler, Dornröschen sowie Frau Holle.

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(c) 2007 Wartberg Verlag GmbH & Co. KG, Gudensberg-Gleichen

Kasten (Hg.): Schamanen Sibiriens

Kasten: Schamanen SibiriensUntertitel: Magier * Mittler * Heiler
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart, Staatliches Museum für Völkerkunde
Herausgeber: Erich Kasten
In Zusammenarbeit mit dem Russischen Ethnografischen Museum St. Petersburg
250 Seiten, broschiert, 4c
29,4 x 25 x 2,2 cm

€ 32,99

***** (5 von 5 Sternen)

Das Wort Schamane ist ein sibirisches Wort: Es stammt aus der Sprache der Evenken, in der mit mit saman oder xaman religiöse Führer beiderlei Geschlechts bezeichnet werden. Die heute rund 35.000 Evenken leben als Rentiernomaden weit verstreut. Neben ihnen gibt es aber noch 22 weitere Bevölkerungsgruppen, von den nur 700 Ortschen am Amur, über 16.000 Tschuktschen bis hin zu 443.900 Jakuten in Nordostsibirien. So riesig wie das Gebiet, so unterschiedlich ist die Sozialstruktur der einzelnen Völker - von eher egalitären Lebensweisen bis hin zu streng hierarchisch-patriarchalischen. Allen gemeinsam sind jedoch ähnliche Vorstellungen über das Universum, das mit einem Tier wie z.B. einer Schlange, einem Vogel, einem Elch oder einer Robbe assoziiert wird. Diese mythologischen Wesen haben ihren Platz in einer vielschichtig vorgestellten Welt, die von Geistern und Ahnen bewohnt ist. Das Universum unterteilt sich in eine obere (himmlische) Welt, in die mittlere Welt der Menschen und die (unterirdische) Unterwelt. Bei Krankheiten usw. ist es Aufgabe der Schamanin oder des Schamenen, durch die einzelnen Welten zu reisen, um mit den Geistern zu kommunizieren und Gesundheit, Wohlstand und das Gleichgewicht mit der Natur wieder herzustellen.

Den Schamnismus der Tschuktschen zählt man zum Typ des Familienschamanismus: An den rituellen Handlungen nehmen alle Mitglieder einer Gemeinschaft teil. Sogar die Trommel, die bei anderen Völkern Sibiriens nur von den Schamanen benutzt und von anderen ferngehalten wird, ist bei den Tschuktschen allen, sogar Kindern zugänglich. Die Schamenen unterscheiden sich hier von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft vor allem durch ihre besonderen Schutzgeister (s.S. 146).

In der Mythologie der Tschuktschen, Korjaken und Itelmenen gilt der Rabe als der Erschaffer der Welt wie auch der Trommel des ersten Schamanen. Die größte Tat des Raben war das Herbeibringen des Lichts. Der Rabe konnte Unwetter beruhigen, indem er die Herrin des Wetters mithilfe eines Fliegenpilzes berauschte. Fliegenpilze verhelfen der Schamanin zur Trance und gelten als übernatürliche Wesen, die ähnlich wie die Menschen leben. Sie wurden von der Obersten Gottheit gesandt, erschienen der Schamanin im Traum und führten sie in die Welt der Ahnen, um dort die nötigen Ratschläge zu erhalten. Deshalb aßen Schamanen bei Zeremonien Fliegenpilze. Die Rituale während der Zeit der herbstlichen Rentierschlachtung und des Walfestes wurden meist von den Familienoberhäupten, in der Regel von Frauen angeleitet. Man glaubte, dass Frauen eine besondere Verbindung zur sakralen Welt hatten, denn vor allem sie waren es, die die häuslichen Schutzgegenstände der Familie hüteten. Als besonders mächtig galten Schamanen mit "verwandeltem Geschlecht", das heißt Männer, die sich wie Frauen gaben und umgekehrt. Die Tschuktschen meinten, Frauen seien von Natur aus Schamanen. Sie trugen bisweilen die Kleidung des anderen Geschlechts, doch änderten sie dabei ihre gewöhnliche Lebensweise nicht: Sie hatten Familie, Kinder, betrieben Rentierhaltung und gingen jagen. In dieser Kleidung und mit ihrer Trommel führten die Schamanen der Tschuktschen und Korjaken die Zeremonien durch. Die Praxis des Transvestismus, die auch von anderen sibirischen Völkern bekannt ist, wird damit erklärt, dass dem Schamenen und der Schamanin damit die Kräfte der beiden grundlegenden Prinzipien der Natur, des männlichen und des weiblichen, zur Verfügung standen. Manche Geister zwangen die Schamanen geradezu, das Geschlecht zu wechseln bis hin zur Übernahme des Sozial- und Arbeitsverhaltens des anderen Geschlechts. Weiße Schamanen der Jakuten kleideten sich für eine Reise in die obere Welt in Frauenpelze aus Hengstfohlen, die mit Büscheln von Pferdehaaren eingefasst waren. Auf dem Kopf trugen sie eine Frauenkappe mit Silberring in der Mitte, der Sonnenstrahlen aussandte und die Fruchtbarkeistkräfte der Sonne anziehen sollte. Während der Zeremonie nahm ihr Doppelgänger die Gestalt eines weißen Pferdes an. Man ist der Ansicht, dass diese Erscheinung ihren Ursprung in alten Mutterkulten hat, nach denen ein weibliches Wesen die Urahnin und Beschützerin alles Lebendigen ist. Bei den Tschuktschen und nördlichen Jakuten galten (im Gegensatz zu den anderen Völkern Sibiriens) Schamaninnen gegenüber Schamanen als mächtiger (s.S. 84).

Leider fehlt dem Katalog (der auch äußerst lesenswert ist, wenn man die Ausstellung nicht gesehen hat) ein Sachverzeichnis, ansonsten gibt es nur wenig zu bemängeln.

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http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3496028122/holleland-21

(c) 2009 Linden-Museum Stuttgart und Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin sowie die Autoren und Fotografen

Kollmann: Frau Holle und das Meißnerland

Sachbuch für Erwachsene und Kinder ab 10 Jahren
Autor: Dr. Karl Kollmann
Untertitel: Einem Mythos auf der Spur
168 Seiten, viele s/w Abbildungen
€ 8,00

Bewertung: ***** (5 von 5 Sternen)

Kenntnisreich setzt sich der Archivar der Stadt Eschwege mit der Frage auseinander, welche historischen Quellen die Verehrung der Göttin Holle / Freya an 14 verschiedenen Orten des Hohen Meißners belegen - vom Frau-Holle-Teich über die Hilgerhäuser Höhle bis zu den Hollsteinen.

Dabei stellt sich heraus, dass so manche Sage eine schnöde Erfindung der Neuzeit ist, andere hingegen archaische Relikte sind: Orte wie der Frau-Holle-Teich waren tatsächlich schon in vorchristlichen Zeiten Kultplätze. Und vielleicht waren diese Kulte auch nicht nur licht und rein, wie wir es heute gern hätten: An zwei Kultplätzen wurden Menschenknochen gefunden, die zumindest Fragen aufwerfen. Auch die großen Zähne der Frau Holle im Märchen weisen ja darauf hin, dass die Göttin nicht nur Leben spendet, sondern auch Leben nehmen kann, wenn sie will.

Zum Bestellen können Sie auf folgenden Link klicken: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3929413906/holleland-21

(c) Historische Gesellschaft des Werralandes / Werratalverein, Eschwege 2005 ISBN 3 13 978-3929413908

Landeck: Steine * Gräber * Kultplätze

Landeck, Steine-Gräber-KultplätzeKategorie: Reiseführer
Untertitel: Ein Reisebegleiter zu den mystischen Orten im nördlichen Schleswig-Holstein
Autor: Horst-Dieter Landeck
Taschenbuch, 144 Seiten, mit einer Übersichtskarte in der vorderen Umschlagklappe und 103 vierfarbigen Abbildungen
€ 8,80

****o (4 von 5 Sternen)

Beim ersten Durchblättern des Büchleins irritierten mich die vielen romanischen Kirchenbesichtigungen des Autors. Unvermittelt stehen sie neben seinen Besuchen von Langgräbern der Steinzeit und magischen Wiesen. Auf den zweiten Blick hat Landeck Recht: Wurden doch die ersten Kirchen zumeist auf vorchristlichen Heiligtümern errichtet zwecks Zwangsmissionierung der Heidenkinder. Und die alten Erdenergien sind natürlich selbst heute noch zu spüren, auch wenn ihnen ein Taufbecken übergestülpt wurde - so man sie denn spüren kann. Der Autor ist da mir gegenüber eindeutig im Vorteil, allein spürt es sich besser denn zusammen mit Partner und fünfjähriger Tochter.
Ohne sein ausgesprochen schön und informativ bebildertes Büchlein hätten wir vom Zauberwald und der Feenwiese bei Glücksburg nie erfahren, geschweige denn, sie gefunden (siehe auch http://www.holleland.de/category/maerchenorte/maerchenorte-holnis). Opferstätten für die Göttin Freya (Albersdorf), Schalensteine, auch Elfensteine genannt (Bunsoh) und viele, viele andere Orte laden zu weiteren Entdeckungen ein.

Steine * Gräber * Kultplätze beginnt im Süden auf der Höhe von Meldorf und Neumünster und endet an der dänischen Grenze (Sylt). Einziges Manko: Es ist auf Autofahrer zugeschnitten. Dadurch wird dann zum Beispiel der archäologische Wanderweg zur Feenwiese (siehe oben) von hinten nach vorn begangen, und die Wegweiser sind entsprechend schwerer zu finden. Trotzdem ein Muss für alle Steinzeitfans, auch wenn sie mit Wasseradern und Erdmagnetismus nichts am Hut haben.

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(c) Boyens Medien GmbH & Co. KG, Heide 2003, 2004

Monson: Frühlingsreigen. Das andere Osterbuch


How to do it für Heidenkinder und ihre Eltern
Autorin: Monson, Diana
Zeichnerin: Briswalter, Maren
derzeit nur antiquarisch erhältlich
80 Seiten, gebunden, mit vielen farbigen llustrationen, 26,8 x 20,2 cm

Bewertung: ****○ (4 von 5 Sternen)

In diesem Buch, wie auch in den zwei parallelen von Monson/Briswalter für die Jahreszeiten Weihnachten ("Winterlicht") und Sommer/Herbst ("Ernte-Sommer") finden Eltern Bastelanleitungen, Lieder und Rezepte beruhend auf den vorchristlichen Wurzeln unserer Jahresfeste. In der Rahmenhandlung erfährt die Grundschülerin Sonja von ihrer Großmutter Alwine alles über die Göttin Ostara, das Winteraustreiben, den Mondhasen oder den alten Brauch, frühmorgens an einer Quelle stillschweigend wunderkräftiges Osterwasser zu trinken. Wenn Sie kein Christ sind, aber kleine Kinder haben, kommen sie um diese drei Bücher fast nicht herum.

Denn auch Ihre Kinder wollen ja Ostereier und Osterhasen und Osterspiele - und was erzählen Sie ihnen dann? Die Erklärung, dass das Wiedererwachen der Natur und die Fruchtbarkeit gefeiert werden, finde ich dann sehr hilfreich - und Sie als Erwachsene bekommen noch einiges Hintergrundwissen dazu. Außerdem lernen Sie, dass man Eier mit Schachtelhalm gelbgrün und mit Holundersaft blau färben kann oder wie man Nester für die Eier bäckt.

Das Buch hat leider zwei Wehrmutstropfen: Frau Monson schreibt schlicht keine guten Gedichte (lesen Sie möglichst schnell darüber hinweg). Die historische Existenz der Göttin Ostara wurde zwar von Jacob Grimm angenommen, ist aber wissenschaftlich auch heute noch nicht gesichert. Trotzdem empfehle ich: Bestellen!

Und zum Bestellen können Sie auf folgenden Link klicken:
http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3480200168/holleland-21

(c) 1997 Esslinger Verlag J.F. Schreiber, Esslingen, Wien
5. Auflage 2002

Monson: Winterlicht. Das andere Weihnachtsbuch

How to do it für Heidenkinder und ihre Eltern
Monson, Diana und Briswalter, Maren
80 Seiten, gebunden, mit vielen farbigen llustrationen, 26,8 x 20,2 cm

Bewertung: ***o○ (3 von 5 Sternen)

Dieses spannende Familienbuch geht der Frage nach, wie die Menschen in den Wintermonaten gelebt und gefeiert haben, bevor es das Christentum gab.Im Mittelpunkt steht die siebenjährige Sonja, die mit ihrer Großmutter und den Eltern die alten Feste feiert, vom Laternelaufen über die Wintersonnenwende bis hin zum Perchten- und Holletag am 6. Januar. Das Buch steckt voller Geschichten, Gedichte, Lieder (mit Noten!), Bastel- und Backideen.

Natürlich fehlen auch das Märchen von Frau Holle und das Frau-Holle-Lied nicht. Die liebevollen Illustrationen haben mit dazu beigetragen, dass unsere Tochter schon mit drei Jahren immer wieder aus dem Buch vorgelesen haben wollte, auch wenn die Geschichten um Sonja noch zu lang und kompliziert für sie sind.
Einziger Abstrich: Die Autorin ist keine wirkliche Dichterin, einige Passagen klingen etwas hölzern und verquast: Knecht Ruprecht, „nimm den unerschöpflichen Sack der Urewigkeiten und wandere mit allen Seelen, die wieder neu dort leben wollen, der Erde zu.“ oder: Lucia, „wie seit tausenden von Jahren, lässt immer wiederkehrend, du uns deine Botschaft erfahren.“ (Das soll ein Gedicht sein.)
Aber wen stört das schon, wenn nebenan gleich ein wunderbares Rezept für Sonnenkuchen steht?
Vom Duo Monson / Briswalter gibt es zwei weitere Bücher, „Frühlingsreigen“ und „Ernte-Sommer“, letzteres mit einem schönen Poster des Jahreskreises mit seinen acht wichtigsten Festen. Es hängt bei unserer Tochter an der Wand.

Nachtrag vom 4.1.2010: Leider bin ich erst heute durch eineN BesucherIn meiner Homepage darauf aufmerksam geworden, dass es um dieses Buch einen Skandal gegeben hat: Es enthält nämlich gegen Ende ein Lied des Nazi-Poeten Hans Baumann "Ein Jahr muss nun vergehen". Das Liedchen an sich ist harmlos, aber Hans Baumann ist es leider überhaupt nicht. Von ihm stammt das berüchtigte Lied "Es zittern die morschen Knochen" mit der Zeile "Heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt". Ich hoffe, dass Frau Monson dieser Zusammenhang ebenfalls nicht klar war - schließlich hat Baumann Nachkriegskarriere gemacht und auch in das Liedgut der Bundeswehr Eingang gefunden. Es bleibt ein ekliger Nachgeschmack - ich habe das Blatt aus dem Buch meiner Tochter herausgerissen, und die Bewertung um einen Stern nach unten korrigiert.

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http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3215130068/holleland-21

© 1995 Esslinger Verlag J.F. Schreiber, Esslingen
ISBN-10: 3-215-13006-8, nur antiquarisch erhältlich, Neuauflage 2003

Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

Sachbuch für Erwachsene
Autor: Herfried Münkler
606 S. mit 17 s/w-Abbildungen, gebunden
24,90 €

 ***** (5 von 5 Sternen)

Ein dickes, fettes Sachbuch mit unendlich vielen Fußnoten, das ich trotzdem verschlungen habe, so spannend ist es. Wenn nur jeder Professor anschaulich schreiben könnte wie Münkler! Von daher nimmt es nicht Wunder, dass es 2009 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Um die kritischen Stimmen gleich vorweg zu nehmen: Ja, das Buch hat Lücken. Auschwitz kommt darin nicht vor, sondern nur Buchenau, und dies auch nicht wegen der Morde an den Juden, sondern weil hier Ernst Thälmann umgebracht wurde, und der Gründungsmythos der DDR auf ihm und dem kommunistischen antifaschistischen Widerstand basiert. Und ja, das Buch ist ganz gewiss nicht militärfeindlich. Das nimmt ebenfalls nicht Wunder, denn Herr Münkler ist Spezialist für Kriegstheorie, Macchiavelli, Imperien, Gewalt und Ordnung. Er ist nicht Spezialist für Matriarchatstheorie und Pazifismus. Aber er ist auch noch Spezialist für jemand anderen, und darin unterscheidet er sich von so manchem konservativen Bildungsbürger unserer Tage: für Heinrich Heine, den lebenslustigen, getauften Juden, der nicht nach Germanenart zu zechen verstand und aus Deutschland nach Frankreich fliehen musste.

Und: Ohne Mut zur Lücke kann man kein packendes Sachbuch schreiben, sondern nur ein detailliertes, zumeist staubtrockenes Fachbuch, das eine Auflage von 1.500 Exemplaren nicht überschreiten wird. Worum geht es also in diesem Reißer?

Es geht darum zu zeigen, welche Mythen die deutsche Geschichte beeinflusst haben, manchmal zum Guten, zumeist aber zum Schlechten, darum, was machthungrige Politiker aus kleinen, unscheinbaren Mythchen so gemacht haben. Vieles davon habe ich schlicht nicht gewußt. Deutsche Nationalmythen, das sind der Kaiser Barbarossa, der König Friederich...., die Nibelungen rauf und runter, und Dr. Faust, habe nun ach. Hinzu kommt der Kampf gegen Rom: Tacitus, die Hermannsschlacht, der täglich mit welschen Teufeln kämpfende Herr Luther und natürlich der Gang nach Canossa. Preußische Mythen dürfen nicht fehlen: der gichtige, ungepflegte Friedrich der Große, Königin Luises Rendezvous mit Napoleon und das Attentat vom 20. Juli 1944. Burgen und Städte, darin die Nürnberger Meistersinger oder die Antwort auf die Frage, warum es am Rhein so schön ist (und nicht etwa an der Fulda), vielleicht wegen der Loreley?

Und last but not least: politische Mythen nach dem 2. Weltkrieg. Von denen hatte die DDR recht viele zu bieten: den antifaschistischen Widerstand, wie gesagt, aber auch Thomas Müntzer, und, da die Bauernkriege ja mit einem Massenmord an den Bauern endeten, was nicht gar so positiv war, hat man dann auch gleich noch Luther vor den mythischen Karren gespannt - obwohl nun just jener die Fürsten gegen die Bauern unterstützte. Aber lebendige Mythen lassen sich umformen, kritisieren, weiterentwickeln und manipulieren. Das Problem der DDR: Mythenpolitisch hatte sie so einiges zu bieten, ökonomisch nicht. Genau umgekehrt ging es in der Bundesrepublik zu, die sich bei ihrer Gründung wegen der Teilung Deutschlands nur als Provisorium verstand. Kein Gründungsmythos, kein politischer Orientierungsmythos, sondern nur und ausschließlich wirtschaftliche Mythen: Bei der Währungsreform haben wir angeblich alle mit 40 D-Mark angefangen (falsch!). Trümmerfrauen, Wirtschaftswunder, das Wunder von Bern, der millionste Käfer. Wer fleißig ist, der kommt voran. Damit lebt sich´s bequem, aber es formt sich keine politische Identität. Nach der Wiedervereinigung versuchte man´s denn auch mit unserer demokratischen Verfassung, dem Grundgesetz, zur Identitätsstiftung, aber nur auf intellektuellem, nicht auf emotionalem Niveau. Und so gibt es statt mythischer Großerzählungen in den letzten zwanzig Jahren bei uns nur noch kurzfristige Slogans von BILD-Redakteuren und Marketingstrategen: "Wir sind Papst." "Du bist Deutschland." In Frankreich, Polen, den USA.... sieht das ganz anders aus. Münkler stellt abschließend die Frage, wie lange eine Nation sich den Verzicht auf identitätsstiftende Mythen leisten kann.

Vorschlag: Da auch ein Dr. Faust zum Mythos avancieren konnte: Wie wäre es heute im Gegenzug mit einem matriarchalischen Mythos um die Venus von der Schwäbischen Alb, Frau Holle, die Percht und Sibylle von der Teck zusammen?

Zum Bestellen des Münklerschen Mythenwerks können Sie auf folgenden Link klicken: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3871346071/holleland-21

(c) Rowohlt Berlin Verlag, 2009

Perschten-Stiftung: Frau Percht - Göttin im Exil?

Landeck, Steine-Gräber-KultplätzeUntertitel: Auf der Suche nach der Frau Percht - zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Rauhnachtsgedanken für das ganze Jahr
Autor: Ernst Weeber
Hardcover, 144 Seiten, mit 48 vierfarbigen und s/w-Abbildungen
€ 29,90

****o (4 von 5 Sternen)

Was in Hessen und Thüringen die Frau Holle, das ist in Bayern die Percht oder Perscht: die alte, große Muttergöttin, die in vielfältigen Verkleidungen und Deformierungen 4.000 Jahre Patriarchat inklusive Christentum überlebt hat. Dabei hat die Percht dämonischere Züge angenommen, Frau Holle eher bieder-hausfrauliche.

Allein schon die Tatsache, dass es überhaupt so etwas wie eine Perschten-Stiftung gibt, macht neugierig. Sie kooperiert mit dem Perschtenbund Soj, und mehr nachlesen können Sie unter www.perschten.de sowie www.perchten-kirchseon.de.

Der Autor des vorliegenden Titels ist ein Mann (Sozialarbeiter und Songpoet), Perchtenläufer waren früher ausschließlich Männer (heute sind auch Frauen dabei), und die dämonischste Percht, die "schiache Luz" (Lucia, Luzifera, Lichtbringerin) ein roh-autoritärer Kinderschreck. Weeber bemüht sich zwar redlich, Christentum und Perchtenglauben in Einklang zu bringen. Aber das geht natürlich an einigen Stellen des Buches schief. So stellt sich der Autor die Frage nach den "entfesselten dunklen Mächten", die nicht mit der Frau Percht, sondern eben mit ihrem Gegenteil, mit ihrer Verdrängung, zu tun haben: "Die den Planeten beherrschende zivilisierte menschliche Kultur bringt sich selbst in furchtbare Bedrängnis. Allerorten ist das, was wir heute Wachstum nennen, mit zerstörerischen Aspekten verbunden, mancherorts erweisen sich Menschen einander als Werwölfe und Teufel. Scharen von Wütenden, Heere von Verzweifelten gehen um." (S. 120). Umweltschutz und christliche Nächstenliebe sollen dagegen helfen! Dass es das Prinzip von Hierarchie und Herrschaft abzuschaffen gilt, vermag Weeber nicht zu erkennen, und so beißt sich die Katze in den Schwanz. Zu böser Letzt wird die Percht dann noch weiter erniedrigt - von der "heidnischen Dämonin" zur bloßen "Allegorie" einer neuen Welt.

Wenn wir jedoch einmal vom (teils penetranten) ideologischen Überbau absehen, ist "Frau Percht" ein ausgesprochen fakten- und kenntnisreiches Buch. Es schildert in acht Kapiteln mit vielen Fotos und teils alten, teils leider auch kitschig-neuen Zeichnungen (letztere von Rafael Gerlach aus Kirchseon verbrochen):
* Was man von der Frau Percht erzählt, also Sagen: Wie sieht sie denn aus, die Frau Percht?
* Was hat es mit der geisterhaften Einkehr, den Zwölfern, den Rauhnächten irgendwo zwischen der Wintersonnenwende am 21.12. und dem 6. Januar auf sich?
* Welchen Menschen bietet die Percht Heimat, und warum ist sie selbst heimatlos geworden?
* Was bedeutet das Wort Percht eigentlich? (Eine der geläufigsten Erklärungen: althochdeutsch peraht = leuchtend, glänzend, strahlend.)
* Was erzählen uns Mythen heute noch von der alten, vorpatriarchalen Welt?
* In welche Funktionen wurde im Patriarchat die Große Mutter aufgespalten? (Lichte Seite, Mutter, Jungfrau, Isis, Sophia, Maria versus dunkle Seite, Hexe, Lilith, Kali, Circe)
* Eigenschaften der Großen Mutter: Alles-gebend, todbringend, Regeneratrix, Spenderin von Erdfruchtbarkeit, Mutter der Toten....
* Wie kam es zum Untergang des Matriarchats in Europa (Kurganvölker, indoeuropäische Völkerwanderung)
* Von der parthenogenetischen Göttin zur Gottesbraut, -gattin, -tochter: Wer entzieht sich noch am ehesten? Königinnen des Himmels und der Erde. Inanna, Lilith, Ischtar, Astarte, Kybele, Rhea, Artemis, Isis. Dana, Morrigan, Macha, die Nornen, Freya/Frigg, Nerthus....
* Der nächste Grad des Patrismus: Der Allvater im Himmel und sein geopferter Sohn Jesus. Bonifatius fällt die Donareiche. Die Erde als Ort der Verbannung aus dem Paradies. "Frau Welt" regiert - angeblich. Aus der Großen Göttin werden Unsere liebe Frau Maria - und die "schiache Luz"
* Von Umziehenden, Unsichtbaren, Unheimlichen: Gibt es eine kontinuierliche Entwicklung von der umziehenden, einkehrenden, Kultur (Spinnen, Weben, Säen, Ernten) und Frieden erhaltenden Großen Göttin der Jungsteinzeit zur Percht? Wie stehen bei ihrer Version Frau Holle "Lichtes" und "Dunkles" zueinander? Weeber beschreibt sie in Anlehnung an Waschnitius (1914) wie folgt: "Sie ist nördlich von uns, im mitteldeutschen Gebiet, zuhause, allseits bekannt durch das gleichnamige Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm und eine ganz nahe Verwandte unserer Frau Percht. Das mag zunächst verwundern, denn die (wegen ihrer großen Zähne) etwas unheimliche, aber doch vornehme Frau Holle (...) zeigt wenig Ähnlichkeit mit unserer ruppigen Frau Percht. Die Ähnlichkeit tritt erst zutage, wenn man andere Erzählungen dazunimmt (...) Auch die Frau Holle ist zur Zeit der Rauhnächte mit einem Wagen unterwegs, braucht "Pannenhilfe" und gewährt den "Spanlohn". Auch sie nimmt ungetauft verstorbene Kinder zu sich und geht mit dem Wilden Heer um. Auch sie wird einmal als schöne, hehre, huldvolle Frau gesehen, ein andermal als hässliche und beängstigende Hexengestalt. Auch sie legt Wert auf einen geordneten Haushalt und das Einhalten der Feiertagsruhe in den Spinnstuben. Auch sie ist für die Fruchtbarkeit im neuen Vegetationszysklus zuständig. Sie wirkt "himmlisch", "die Erde umspannend": Wenn sie ihr Bett ausschüttelt, schneit es auf Erden. Im Ganzen gesehen steht die Frau Holle etwas freundlicher da als die Frau Percht. Offensichtlich, so vermutet Jakob Grimm, wurde sie von den christlichen Dogmatikern nicht ganz so gründlich herabgewürdigt. Das Wesen einer gnädigen, mütterlichen Gottheit ist bei ihr noch deutlicher erkennbar. Deutlicher auch wird Frau Holle mit dem Element des Wassers in Verbindung gebracht, mit Seen, Quellen, Brunnen. Wie in dem bekannten Grimm-Märchen gelangen Sterbliche, wenn überhaupt, durch einen Brunnen zu ihr, durch das unterirdische Wasser, durch den feuchten fruchtbaren Erdboden. (...) Worauf aber läßt sich der Name Holle zurückführen? Auch hier gibt es, wie bei der Percht, unterschiedliche Richtungen bei den Deutungsversuchen. Man kann den Namen zurückführen auf "hold" und "huldvoll", man kann ihn mit der Unterweltgöttin Hel in Verbindung bringen. Neben der Holle, Hulle oder Hulda gibt es aber auch die Holden, Holde, Hollen oder Hullen als Gattungsbegriff für dämonische Wesen, wie beispielsweise im Niederrheingebiet, wo die Holda nicht bekannt zu sein scheint, dafür aber neben den goyde holden, hulden auch witte, selige frouwen (weiße Frauen); es gibt "Wasserholde" (Nymphen) und "Unholde", und weiter nördlich, in Skandinavien, das Hulder- oder Huldrefolk." (S. 94f)
* Was ist am unsichtbaren Volk, den Huldren, Trollen, Nissen, Elfen und Zwergen so unheimlich?
* Wie kam die Vorstellung von Vegetations- und Seelendämonen auf? (Weeber ist hier leider unkritisch in seiner Begrifflichkeit.)
* Perchtenlauf als dionysischer Fruchtbarkeitsritus
* Den Frauen imponieren wollen: der dionysische Perchtenläufer
* Heischegänge
* Und schließlich: Frau Percht als anachronistische Keimträgerin für eine bessere Welt zyklischen Wandels, der Vielfalt und Gemächlichkeit.

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(c) Perschten-Stiftung, Kirchseon 2006

Überarbeitet am 11.12.2010

Rölleke: Die Märchen der Brüder Grimm


Anspruchsvolles Märchen-Sachbuch für Erwachsene
Autor: Heinz Rölleke
Untertitel: Eine Einführung
€ 4,00
117 S., o. Abb.

***** (5 von 5 Sternen)

Der Germanist Heinz Rölleke ist eine Kapazität auf dem Gebiet der Märchen und Sagen. Für seine Grimm- und Märchenforschung wurde er ausgezeichnet mit dem Hessischen Staatspreis, dem Großen Preis der Akademie für Kinder- ind Jugendliteratur sowie dem Brüder-Grimm-Preis der Universität Marburg.

Das vorliegende Reclam-Bändchen ist trotz aller Wissenschaftlichkeit sehr lesbar geschrieben - und wenn Sie es fertighaben, werden Sie die Märchen der Brüder Grimm mit anderen Augen ansehen. Wußten Sie z.B., dass die Zuträger zumeist hochgebildete Damen der Gesellschaft mit französisch-hugenottischem Hintergrund und nur selten Leute aus dem einfachen Volk waren? Dass sich viele der angeblich doch so deutschen Volksmärchen schon gut hundert Jahre früher bei den Franzosen Perrault und d´Aulnoy finden - oder gar schon 150 Jahre zuvor beim Italiener Basile? Oder wie stark Wilhelm Grimm die Märchen überarbeitet hat, um sie für das prüde 19. Jh. akzeptabler zu machen?

Dazu nur ein kleines Beispiel: Während in der Erstausgabe der Märchen 1812 Rapunzel die Fee fragt, warum ihr ihre Kleider wohl nicht mehr passen (klar, sie ist schwanger), fragt sie die - jetzt: - Zauberin 1819 stattdessen, warum diese denn soviel schwerer an den Haaren heraufzuziehen sei als der junge König (der zuvor noch ein Prinz war).

Empfehlung: Lesen!

(c) 2004 Philipp Reclam jun. GmbH & Co., Stuttgart (aktualisierter und korrigierter Neudruck der 3. Aufl. bei Bouvier Bonn/Berlin 1992)
ISBN-13: 978-3-15-017650-4

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Schenk: Was ist Schamanentum?

Ethnologische Broschüre für Erwachsene
Autorin: Amélie Schenk
32 S., A5, vereinzelte s/w-Abb.
ca. 5 €

***** (5 von 5 Sternen)

Diese äußerst empfehlenswerte Broschüre gibt Erwachsenen ohne Vorkenntnisse einen guten Einstieg in die Frage, was Schamanen (in Sibirien, Amerika und anderswo) ausmacht, was ihnen über alle Kulturgrenzen hinweg gemeinsam ist. Der Einstieg gefällt mir besonders gut, und deshalb möchte ich ihn hier zitieren:

"Es gibt Menschen auf diesem Planeten - seit den Uranfängen unserer Geschichte -, die ein gespaltenes Leben führen und mit beiden Beinen nicht nur fest auf dem Boden dieser Welt stehen, sondern gleichzeitig tief in einer jenseitigen Welt verwurzelt sind. Wir kennen sie als Schamanen, Magier, Heiler, Medizinleute und Orakel. Den schönsten Namen aber, finde ich, der ihrem Wesen am ehesten entspricht, besitzen wir im Deutschen: Zauberer!" An anderer Stelle bezeichnet die Anthropologin Schenk sie auch noch als Psychotherapeuten.

Schenk beschreibt in ihrer leicht zu bewältigenden Broschüre die Weltsicht der Schamanen, ihre Berufung und Ausbildung, ihre Brücke zur Geisterwelt, aber auch westliche und Neoschamanen. Eines ist mir dabei sehr schnell klar geworden: Ich bin froh, dass ich keine Schamanenausbildung absolvieren mußte! Die Ausbildung ist brutal, und Versagern kann es - je nach Kultur - durchaus blühen, am Ende erwürgt zu werden, damit sie wenigstens einmal die Geisterwelt zu sehen bekommen.

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(c) 1996/2009, Alle Rechte bei der Autroin
Verlegt von Werner Pieper´s MedienXperimente, Löhrbach in der Reihe ReEducation, Der Grüne Zweit 192

Schwalb: Kinder fördern mit Märchen, Reimen und Geschichten

Schwalb: Kinder fördern mit Märchen, Reimen und GeschichtenUntertitel: Ganzheitliche Sprachförderung in der Kita
Autorin: Renate Schwalb
144 Seiten, Softcover, mit zahlreichen vierfarbigen Abbildungen
€ 16,95

***** (5 von 5 Sternen)

Renate Schwalb ist Lehrerin an der Fachschule für Sozialpädagogik in Allensbach-Hegne und dort in der Ausbildung von Erzieherinnen im Bereich Kinder- und Jugendliteratur tätig. Sie beschreibt, warum Kinder, die viele Märchen, Geschichten und Gedichte erzählt und vorgelesen bekommen, später einen größeren Wortschatz haben, weniger aggressiv und besser in der Schule sind. Anhand der Grimmschen Märchen „Die Bienenkönigin“ und „Der süße Brei“ zeigt sie, wie Kinder durch Märchen gefördert werden, warum Märchen Kinder stark machen, und wie sie als Mittler zwischen Kulturen fungieren können. Besonders spannend finde ich den Praxisteil. Hier gibt die Autorin Tipps zum Vorlesen aber auch zum freien Erzählen und zum Gestalten einer oder vieler Märchenstunden in der Kita. Das beginnt mit der Raumdeko. Anschließend werden die Kinder mit einem Ritual oder auch leibhaftig ins Märchenland geführt. Wichtig ist der Autorin, dass Märchen nicht für pädagogische Zwecke instrumentalisiert werden, sondern für sich stehen. Schließlich verlassen die Kinder das Märchenland so, wie sie es betreten haben, und das Tor zum Märchenland wird geschlossen, damit keine Hexen oder Kobolde durchschlüpfen können.

Und dann lebt das Märchen im Alltag der Kinder weiter, die sich kreativ mit ihm auseinandersetzen: malen, mit Ton arbeiten, Collagen, Rollenspiele, Theateraufführungen machen... Alles ist möglich. Wenn ich auch in winzigen Details nicht immer mit den Definitionen der Autorin d´accord bin: Insgesamt eine sehr gelungene Darstellung!

Im Bereich Kinderlyrik schließlich zitiert Schwalb ein Gedicht von Michael Ende, das sich aus dem Märchen von Hänsel und Gretel einen Spass macht. Es ist nicht nur ein sehr kurzes Märchen (so der Titel), sondern gar das kürzeste, das ich kenne, zu singen nach dem bekannten Kinderlied: „Hänsel und Knödel, die gingen in den Wald. Nach längerem Getrödel rief Hänsel plötzlich „Halt“. Ihr alle kennt die Fabel, des Schicksals dunklen Lauf: Der Hänsel nahm die Gabel und aß den Knödel auf.“ Klasse!(aus: „Die Schattennähmaschine“ © 1982 Thienemann, Stuttgart, http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3522127900/holleland-21)

Zum Bestellen des Schwalbschen Titels können Sie auf folgenden Link klicken:
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© 2010 Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau

Thuja: Dem Einhorn auf der Spur

Thuja: Dem Einhorn auf der SpurUntertitel: Zur Kulturgeschichte eines Mythos
Autorin: Aleke Thuja
Chiva OHG, Kiel 1984 (in anderer Aufmachung auch bei DroemerKnaur erschienen)
128 Seiten
nur gebraucht erhältlich, ab ca. € 0,63

***oo (3 von 5 Sternen)

„Es ist der Wissenschaft bis heute nicht gelungen, einen Beweis für die Nichtexistenz des Einhorns zu erbringen.“ Wenn Sie sich auf dieses augenzwinkernde Statement der Autorin einlassen können, dann erwartet Sie ein humorvolles kleines Sachbüchlein mit einem schönen Fundus an schwarzweißen Abbildungen. Vergnüglich zu lesen, und ein wenig schlauer sind Sie danach auf jeden Fall: Einhörner können Sie auf der ganzen Welt entdecken, selbst in China, und so unähnlich sehen die außereuropäischen den europäischen Einhörnern gar nicht einmal!

Das Buch informiert sie über die Eigenschaften des Fabelwesens (es kann über Wasser und Land schreiten), zeigt seine Spuren in den Weltreligionen auf, berichtet von Leuten, die es leibhaftig gesehen haben wollen, erzählt, was sich mit dem Horn so alles anstellen lässt und endet mit der Frage: Glaubst du, das heute sei eine gute Zeit für Einhörner? Aber ist nicht immer eine gute Zeit für Paradiesgärten? Und dass das Einhorn ein Bestandteil des Paradieses ist, steht doch wohl außer Frage!

Den Punktabzug gibt es lediglich dafür, dass es sich eben doch um ein Sach- und kein Fachbuch handelt.

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http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3925071008/holleland-21

Artikel erstellt am 15.1.2011

Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten

Timm: Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten
Fachbuch
Autorin: Erika Timm, unter Mitarbeit von Gustav Adolf Beckmann
Untertitel: 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet
372 S. o. Abb., kartoniert
€ 54,00

***** (5 von 5 Sternen)

Wenn Sie wissen wollen, wie alt der Glaube an Frau Holle bzw. die Percht wirklich ist - und zwar wissenschaftlich nachgewiesen! - dann sind Sie mit diesem Buch bestens bedient. Erika Timm hat 25 Jahre lang Belege dafür gesammelt, dass die Frau Holle Gestalt nicht erst im 16. Jahrhundert auftauchte, sondern weit älter ist. Sie pflichtet Heide Göttner-Abendroth und den Brüdern Grimm inhaltlich bei, dass es sich bei Frau Holle um eine vorchristliche Göttin handelt, wenn sie auch Göttner-Abendroths Methode (bloße Interpretation des Grimmschen Märchens) nicht gutheißt. Ist Frau Holle nun einfach die germanische Freya / Frija / Frigg oder gar die Große Muttergöttin? Urteilen Sie selbst! Erika Timm ist sich darüber im Klaren, dass sie sich mit ihrer streng germanistisch-wissenschaftlichen Arbeit zwischen alle Stühle setzt: Der zünftigen deutschen Volkskunde passt ihre Grundorientierung nicht, den Feministinnen der Göttner-Abendrothschen Richtung ihre Methode und ausländischen GermanstInnen eventuell einige ihrer Einzelentscheidungen. Fazit: ein hochgradig spannendes Buch. Aber Achtung: nichts für die LiebhaberInnen einfach zu konsumierender Sachbücher -- dies hier ist schwere Fachkost.

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(c) S. Hirzel Verlag Stuttgart 2003