Sagen rund um Frau Holle

Perrault: Die Feen

Die folgende Version des Frau Holle-Themas (Märchentyp AT 0480) ist älter als die Grimmsche. Sie stammt aus der Feder des Franzosen Charles Perrault (1628-1703), der sich wiederum bei dem Neapolitaner Giambattista Basile (1575-1632) bedient haben könnte:

Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter: die Ältere glich ihr so sehr in ihrem Wesen und in ihrem Äußeren, dass man bei ihrem Anblick die Mutter zu sehen glaubte. Beide waren sie so widerwärtig und so hochmütig, dass man nicht mit ihnen auskommen konnte. Die jüngere dagegen war in ihrer Sanftmut und Freundlichkeit das wahre Ebenbild ihres Vaters; darüber hinaus war sie eines der schönsten Mädchen, das man sich denken konnte. Wie man nun gemeinhin sein Ebenbild liebt, so war diese Mutter ganz vernarrt in ihre ältere Tochter und hegte gleichzeitig eine tiefe Abneigung gegen die jüngere. Sie ließ sie in der Küche essen und ohne Unterlass arbeiten.
So musste dieses arme Kind unter anderem zweimal täglich eine gute halbe Meile vom Hause entfernt Wasser schöpfen gehen und einen großen Krug bis zum Rande gefüllt heim tragen. Eines Tages, als sie zu dem Brunnen gegangen war, trat eine arme Frau auf sie zu und bat sie, ihr zu trinken zu geben. "Gerne, liebes Mütterchen", sagte das schöne Mädchen, spülte seinen Krug, schöpfte ihr an der klarsten Stelle des Brunnens Wasser und bot es ihr dar, wobei sie den Krug stützte, damit sie leichter trinken konnte.

Frau-Holle-Motive in Flensburg

In Flensburg wird die folgende Kurzfassung des Frau Holle Märchens erzählt:

Eine Frau hatte zwei Töchter, eine hübsche Stieftochter, die Marie hieß, und eine eigene Tochter, die Karen hieß. Sie schickt die Stieftochter zum Beerenpflücken. Als es Abend wird, holt ein Bergtroll sie in den Berg, wo er mit seiner Katze wohnt. Er fragt sie, ob sie mit ihm oder mit seiner Katze essen will. Sie will mit ihm essen. Ob sie in seinem Bett mit ihm oder mit der Katze schlafen will. Sie will mit ihm schlafen. Am Morgen fragt er sie, ob sie durch die Eisen- oder durch die Goldtür nach Hause gehen will. Sie will durch die Goldtür. Es regnet Gold auf sie, und der Hahn begrüßt sie, als sie wieder nach Hause kommt: "Kikeriki, da kommt unsere Goldmarie."
Das Erlebnis der zweiten Tochter ist nicht ausgeführt, es heißt nur: "Konens egen Datter, som ogsaa gik til Bjerget for at blive ligesaa smuk, gik det naturligvis i et og alt omvendt."

(Ich kann fast kein Dänisch und deshalb nur ungefähr übersetzen: "Der eigenen Tochter der Frau, die auch zum Bergtroll ging, um gleichfalls schön zu werden, ging es natürlich genau spiegelverkehrt.")

Zitiert nach: Gundula Hubrich-Messow, Sagen und Märchen aus Flensburg, Husum Verlag 1992. Zum Bestellen können Sie auf folgenden Link klicken: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3880425922/holleland-21

Die Dienstmagd in der Hölle

Die unten stehende Sage habe ich im Buch "Vom Mummelsee zur Weibertreu" gefunden. Der Ort, in dem sie spielt, Schmiechen bei Schelklingen, liegt in Baden-Württemberg, in der Nähe von Ulm, und wurde 2008/2009 berühmt, weil in der dortigen Höhle Hohle Fels die älteste Frauenfigur/Göttin der Menschheit gefunden wurde, die sog. Venus vom Hohle Fels, 35.000 Jahre alt. Die ganze Gegend ist von Karsthöhlen durchzogen, und nicht nur im Hohle Fels finden sich Spuren steinzeitlicher Besiedlung.
 
Viele Details erinnern an das Frau-Holle-Märchen der Brüder Grimm, es scheint sich m.E. um eine im nachhinein christianisierte und "verteufelte" Version des Mythos zu handeln. Die Sage geht so:
 
 "In Schmiechen bei Schelklingen lebte vor einigen Menschenaltern ein Mädchen, dem war schon früh die Mutter gestorben, und mit der Stiefmutter kam eine hartherzige und mürrische Frau ins Haus. Die plagte das arme Ding mit Arbeit von früh bis spät. Und wenn sich das Mädchen noch so große Mühe gab und alles gewissenhaft erledigte, was sie ihm auftrug, nie war ihr recht, was es getan hatte, immer hatte sie etwas auszusetzen. Dazuhin war sie überaus geizig und zählte jeden Bissen, den sich die Stieftochter in den Mund schob.

Als dem Kind einmal ein Mißgeschick widerfuhr, rief die Frau voller Zorn: "Mach, dass du fortkommst, du dummes Ding! Scher dich zum Teufel; ich will dich nimmer sehen!" Voller Angst lief das Mädchen aus dem Haus. Wo sollte es unterkommen? Ziellos irrte es lange Zeit durch den Wald. Auf einmal trat ein fremder Jäger aus dem Unterholz, der trug ein grünes Gewand, und auf seinem Hut wippte eine kecke Feder. Er sprach das verängstigte Kind freundlich an, und als es Vertrauen zu dem Mann gefasst und erzählt hatte, was ihm zugestoßen, sagte er mitleidig: "Du kannst mir als Magd dienen. Die Arbeit ist nicht schwer, und du wirst es bei mir besser haben als bei deiner Stiefmutter." Das Mädchen besann sich nicht lange, willigte ein und ging mit.

Der Jäger führte das Kind immer tiefer in den Wald hinein, bis sie vor einer Höhle standen. Die Kleine fürchtete sich zuerst vor dem finsteren Loch, doch der Grünrock redete ihr gut zu, nahm sie bei der Hand und geleitete sie über viele Stufen hinab in den Schoß der Erde.

Sibylle von der Teck - die schwäbische Frau Holle

Die Sagenfigur der schwäbischen "Sibylle von der Teck" weist viele Parallelen zu den nordhessischen Sagen rund um Frau Holle sowie um die germanische Göttin Freya auf. Eventuell kennen Sie Kirchheim-Teck wegen der Autobahn-Staumeldungen. In der Nähe von Kirchheim befindet sich der Ort Owen, dessen Hausberg von der Burg Teck gekrönt wird. Etwas unterhalb der Burg befindet sich die Sibyllenhöhle, die man auch heute noch (mit gutem Schuhwerk!) besuchen kann. Und so geht die Sage (von mir stark stilistisch überarbeitet):

"Vor uralter Zeit bargen die Felsenhöhlen des Teckberges noch unermessliche Schätze an Gold und Edelsteinen. Dort wohnte eine Frau, die die Leute Sibylle nannten, denn sie konnte hellsehen. Vielen, die zu ihr kamen und um Rat baten, half sie aus ihrer Bedrängnis, und überall rühmte man die Weisheit der Frau vom Teckberg. Am meisten aber schätzten die Leute ihre Liebe und Güte, und niemand, der sich in seiner Not an sie wandte, stieg vergeblich den steilen Weg zu ihr empor.

Bechstein: Frau Holle verbrannt

Zu Eisfeld ist ein alter Brauch, daß am Sonntage Epiphanias nach der Nachmittagskirche unter Musikbegleitung ein kirchliches Lied abgesungen wird; dabei ist die ganze Bevölkerung zugegen, und Kinder und Alte rufen einander zu: Frau Holle wird verbrannt! Über diesen Brauch wissen die Leute nichts Bestimmtes zu sagen, und eine Mär, die sie berichten, läßt über den Namen Frau Holle und deren Verbrennung im unklaren. Vor uralten Zeiten, sagen sie, war zu Eisfeld ein Mönchskloster und ein Nonnenkloster, die lagen einander gegenüber und waren miteinander durch einen unterirdischen Gang verbunden. Dieser Gang soll bis zum vorletzten großen Brande noch offen, dann aber verschüttet worden sein. Durch diesen Gang nun besuchten die Münchlein die Nünnelein, und da trug sich’s zu, daß auch die Frau Äbtissin selbst in andere Umstände kam, die ihr mitnichten lieb waren, und sogar zweier Knäblein auf einmal genas, und konnte die Schmach nicht verhehlt werden. Da nun der Täter unenthüllt blieb, so mußte der Allerweltsbuhlgeist, der arme Teufel, ihr Buhle gewesen sein, der eigentliche Sündenbock, auf dessen Rücken Last und Laster in Fülle geschoben wurden. Er trug auch diese neue Last geduldig, aber die Frau Äbtissin wurde nachmittags am Sonntag nach dem Neujahr auf öffentlichem Markt verbrannt. Möglich, daß sie Hulda hieß, so wäre das Rätsel der Hollenverbrennung gelöst.

Quelle:Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 470-471.

Bechstein: Frau Holle und der treue Eckart

Unter Benshausen liegt der Stadtflecken Schwarza, durch den zog einstmals zur Weihnachtszeit die Frau Holle mit ihrem wütenden Heere, voran aber ging der treue Eckart und warnte die Leute, im Wege zu bleiben, damit ihnen kein Leides geschehe, denn das Heer nahm die ganze Wegbreite ein, und auf den die Larven stießen, dem erging es nicht gut. Da nun der Schwarm durch den Ort gebraust war, kamen zwei Knaben des Weges, die trugen Krüge voll Bier, das hatten sie auf dem Köhler geholt, einem Wirtshaus mit Mühle, gleich am Wege, eine Strecke unter Schwarza, allwo es immer gutes Bier gibt, und ist viele Einkehr daselbst. Diese Knaben hieß der treue Eckart auch zur Seite treten, und sie drückten sich furchtsam seitab; gleichwohl wurden sie doch wahrgenommen, und da die wilden Jäger immer Durst haben, so traten einige der Furien zu ihnen, entnahmen ihnen die Krüge und züllten ihnen das Bier aus. Darüber waren hernach die Knaben sehr bekümmert, denn sie fürchteten daheim Schläge, wenn sie kein Bier brächten, und hatten doch kein Geld, anderes zu holen, aber auf einmal stand der treue Eckart wieder bei ihnen und sprach: Seid nur getrost, ihr Jungen; es war gut, daß ihr das Bier freiwillig hergetan, sonst stände es jetzt schlecht um eure Hälse. Geht nur immer getrost heim mit euern Krügen, sagt aber binnen drei Tagen keiner Seele etwas von dem, was euch heint abend begegnet. Wie nun die Knaben heimkamen, waren die Krüge voll und schwer und war ein Bier darin, wie solches die Mannen zu Schwarza noch nie getrunken, just wie englisch Öl (Ale), als wär' es in Tölz gebraut, was aber das Beste und Wundersamste war, die Krüge wurden nicht leer, sie gaben fort und fort Bier her, das war eine ganz prächtige Sache – bis die drei Tage um waren und die Knaben ihr Schweigen brachen. Da war's alle.

Quelle:
Ludwig Bechstein: Deutsches Sagenbuch. Meersburg und Leipzig 1930, S. 349-350.

Frau Holle

Welches Kind in Hessen kennt nicht die Frau Holle und die artigen Märchen, die von ihr erzählt werden? Und in welchem Dörfchen hört man nicht sagen: »Frau Holle stäubet ihr Bett!« wenn im Winter die Schneeflocken in den Lüften tanzen? Wer aber die Frau Holle recht kennen lernen will, der muß zum Weißner wandern, dessen gewaltiger Rücken hoch über die Berge hinausragt, die um ihn herum wie Trabanten stehen, zwischen der Werra, der Eisenacher und Allendörfer Straße.

Frauhollenbad

In dem Eschweger oder Bilsteiner Amt liegt an dem Weißner-Berge ein grosser Pfuhl oder See, welcher mehrentheilß trüb ist, wird Frauhöllenbad genannt, weil der Alten Bericht nach ein Gespenst in Gestalt eines Weibesbildes in der Mittagsstunde sich darinnen badend habe sehen lassen und hernach wieder verschwunden seyn solle, auch ausser deme viele Gespenster an diesem Berge vmb die Moraste, deren es daherumb und auff dem Berge viel habe, sich haben vernehmen lassen, auch zuweilen Reisende und Jäger verführet und beschädiget haben sollen.

Zeilerus Epistolische Schatzkammer Ausg. von 1683, S. 622 b.

Quelle: Karl Lyncker: Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854, S. 18.

Frau Holle versetzt einen Felsen

Hier und da erzählt das Volk sich riesenmäßige Dinge von der Frau Holle. Hinter dem Dorfe Abterode, unter dem Weißner, ragt ein Fels über die Erdoberfläche empor; er hat die Gestalt eines Bären und heißt der Todtenstein. Frau Holle soll ihn auf dem Daumen dahin getragen haben.

Quelle: Karl Lyncker: Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854, S. 18-19.

Frau Holle drückt ein Stein im Schuh

Zwischen Eschwege und Reichensachsen liegt ein Berg, die blaue Kuppe genannt, dessen Gipfel ein großer Felsblock bedeckt. Als Frau Holle einmal über den Berg ging, drückte sie ein Stein im Schuh; sie zog ihn vom Fuße und schüttete den Stein heraus, welcher auf derselben Stelle liegen blieb. Es soll jener Felsblock gewesen sein.

Mündlich.

Quelle: Karl Lyncker: Deutsche Sagen und Sitten in hessischen Gauen. Kassel 1854, S. 19.

Frau Hollen Bad

Am Meißner in Hessen liegt ein großer Pfuhl oder See, mehrenteils trüb von Wasser, den man Frau Hollen Bad nennt. Nach alter Leute Erzählung wird Frau Holle zuweilen badend um die Mittagsstunde darin gesehen und verschwindet nachher. Berg und Moore in der ganzen Umgebung sind voll von Geistern und Reisende oder Jäger oft von ihnen verführt oder beschädigt worden.

Aus: Werner, Sagen- und Märchenland Nordhessen, S. 119f
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