Märchenbrunnen - Neobarocke Kunst für Arme

****o (4 von 5 Sternen)

Kunst zur "Masse der Namenlosen, doch Kinderreichen" zu bringen, die Ende des 19. Jahrhunderts in "den schrecklisten Mietkasernen" im Stadtteil Friedrichshain dahinvegetierte, wie die zeitgenössische Presse schrieb, das war die Intention des Berliner Stadtbaurats Ludwig Hoffmann. Den ersten Entwurf stellte er 1901 auf der "Großen Berliner Kunstausstellung" vor. Doch es sollten noch 12 Jahre ins Land gehen, bis auch der prunkverliebte Kaiser Wilhelm II. einverstanden und das Werk fertiggestellt werden konnte. Zu seinem 25jährigen Regierungsjubiläum am 15. Juni 1913 wurde es schließlich enthüllt und geriet zu einem monumentalen Erfolg nicht nur in der Presse, sondern vor allem bei den Menschen. Nur Kinderwagen durften nicht in die Anlage, und so stapelten sie sich in Massen am Eingangstor.... Dieser "Märchenbrunnen war fast selbst schon zum Märchen geworden; aber es ist gut geworden, und da kommt es für alle Zukunft auf die Wartezeit nicht mehr an", schrieb die "Berliner Architekturwelt" 1914.

1945 weitestgehend zerstört, wurde die Anlage ab 1950 in vereinfachter Form wieder aufgebaut. Nach der Wende begannen die Vandalen, über sie herzufallen, sodass ab 2005 komplett renoviert werden musste (1,3 Mio. € kostete uns alle diese Lust am Zerstören). Seit 2007 ist die Anlage nun tagsüber wieder geöffnet.

Ich habe sie vom Park aus kommend, also sozusagen von hinten nach vorn, bzw. Osten nach Westen, besucht, und zwar bei Sonnenuntergang, der dann im vorderen Brunnenteil wahrhaft magisches Licht schafft!

Aber was sehen Sie denn nun? Sie sehen nicht einfach einen Brunnen, sondern eine ganze Anlage, eine deutsch-italienisch anmutende Märcheninszenierung, ein Theaterstück. Von Westen kommend sind da: Zugangswege, Kaskaden, Springbrunnen, im Halbkreis umrahmt von einer Arkatur mit aufgesetzter Ballustrade (darauf jagdbare Tierfiguren des Bildhauers Rauch). Dahinter wieder ein Brunnen, weitere Weglein, ein Baum unter Naturdenkmalschutz. Das ganze verziert mit Märchenszenen der Bildhauer Taschner und Wrba - insgesamt 106 figürliche oder rein dekorative (Kalk-)Steinskultpuren wurden geschaffen. Ein wunderbares Ratespiel für alle Kinder! Auf dem Zentralbrunnen gibt es von Taschner zehn Figurengruppen, die neun Märchen darstellen: Hänsel mit Ente, Gretel mit Ente, Der gestiefelte Kater, Hans im Glück, Die sieben Raben, Aschenputtel, Rotkäppchen, Brüderchen und Schwesterchen, Dornröschen, Schneewittchen (einer der 7 Zwerge stellt den Maler Adolf Menzel dar, dem der Wilhelm II. wegen seines Sozialrealismusses ein Denkmal verweigert haben soll, und der nun so doch noch eins bekommen hat). Wrba erhielt den Auftrag für sechs Kindergruppen am rückwärtigen (also östlichen) Delphinbrunnen sowie für vier Hermen. Diese Hermen (das sind Pfeiler oder Phalli mit aufgesetztem Kopf) sollten "Schreckfiguren" darstellen: Menschenfresser, Riesentochter, Rübezahl und: Frau Holle! Ich selbst habe die Hermen nicht gefunden, und die Aussagen im Internet, ob sie inzwischen wieder da sind oder immer noch verschollen, sind widersprüchlich. Ein Foto können Sie unter http://mitue.de/?m=200806 betrachten. Sie schaut etwas mürrisch drein, die 3 m große Frau Holle, hat einen Kochlöffel in der Hand und eine Katze im Arm, aber Schreckfigur? Nicht wirklich. Das sah auch die zeitgenössische Presse so, natürlich missbilligend: "...die vier aus Travertin von Wrba gemeißelten Hermenfiguren zum "Fürchtenmachen" - an sich für die nördlichen Kinder wohl recht nötig und mit fast dramatischem Geschick in den engen Seitengängen aufgestellt - (verraten) in ihrer rein dekorativen Auffassung, namentlich den fremdartigen Ammonkörben auf den Köpfen, schwerlich viel von deutschem Märchensinn" (http://opus.kobv.de/zlb/volltexte/2006/557/pdf/BAW_1914_05.pdf). So ein Pech für deutsche autoritäre Erzieher, nicht wahr?

Die ganze Anlage ist auch für heutige Betrachter noch so märchenhaft schön, dass sie unter Denkmalschutz steht. Hingehen lohnt sich, auch wenn man für Neobarock nicht sonderlich schwärmt!

Anschrift: Volkspark Friedrichshain, Friedenstr. 14, 10249 Berlin (Ecke Am Friedrichshain). S/U-Bahn Alexanderplatz oder U-Bahn Schillingstraße.


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