
Untertitel: Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet
Autor: Dr. Eugen Drewermann
72 Seiten, gebunden, mit 8 farbigen Abb.
€ 18,00
***oo (3 von 5 Sternen)
Als ich das Buch zum ersten Mal las, war ich fasziniert und hätte ihm glatt 5 von 5 Sternen gegeben. Bei der zweiten Lektüre nun war ich sehr viel kritischer. Drewermann ist ziemlich bekannt: Ein hochgebildeter, exkommunizierter Priester, das findet man selten. So belesen der Autor aber auch sein mag, in diesem Buch hat er sich selbst gleich mehrere Beine gestellt!
Den Untertitel führt er schon im Vorwort ad absurdum, darauf hinweisend, dass Frau Holle eigentlich kein Märchen, sondern ein Mythos ist, und als solcher philosophisch und nicht tiefenpsychologisch gedeutet werden muss. Das hindert Drewermann jedoch nicht daran, im folgenden immer weiter vom Märchen zu sprechen - mit dem Mythos tut er sich sichtlich schwer und stolpert ein ums andere Mal über den Saum seiner Priesterkutte. Seiner Meinung nach geht es in dem "Märchen" um die "ewige Frage" des Glücks des Bösen und des Unglücks des Guten (und darum, wie denn letztlich doch das Gute siegt), um die Geburt und das Schicksal von Sonne und Mond - wobei die Sonne gut und der Mond böse sei.
Nun ist das allererste Problem: Das steht da gar nicht - und während wir bei Heinrich Heine oder Goethe davon ausgehen dürfen, dass sie nicht alles gesagt, was sie gemeint haben, so wäre Frau Holle doch meines Wissens der erste Mythos, der von der Entstehung von Sonne und Mond berichtet, ohne explizit auch von Sonne und Mond zu sprechen. Auch alle Parallelen, die Drewermann anführt, sprechen von einem Sonnenmädchen usw. - und nicht von einer Goldmarie.
Das zweite Problem: Warum sollte in einem vorchristlichen Mythos, der von der Großen Göttin berichtet (wie Drewermann richtig bemerkt), der Mond wohl faul und "böse" sein? Waren nicht vielmehr die ersten Kalender Mondkalender? War nicht der Mond gut, weil den Göttinnen heilig? Der Widerspruch, dass hier der Mond der Sonne angeblich nachfolgt, fällt übrigens sogar unserem Autor auf. Und wenn es doch um Gehorsam gegenüber den Dingen gehen soll, der dazu führe, dass das Sonnenmädchen Goldmarie wieder zurück auf die Erde wolle jedes Jahr wieder im Frühjahr (die Stiefmutter ist angeblich die "Frau Welt"), warum sollte dann der faule, ungehorsame Mond es ihm gleich tun, Monat für Monat? Das ist unlogisch! Allerdings vermute ich, dass der Autor den Mond nicht mag, und eventuell ihn sogar fürchtet.
Überhaupt bezweifle ich, dass es hier um den Gegensatz von Gut und Böse geht. Ja, es geht um den Gegensatz von fleißig und faul, von schön und hässlich. Und es geht um die Initiation in einen vorchristlichen Kult in christlicher Zeit. Eine Initiation, die gelingen kann, auch wenn die liebende Mutter, die ein Mädchen sanft darauf vorbereiten könnte, gestorben ist. Und die misslingen muss, wenn das vorchristliche Wissen von der Natur und die Freude an ihr verlorengegangen sind. Das ist traurig, aber nicht böse. Das ist so häßlich wie eine vierspurige Autostraße und eine Stunde RTL sehen, aber nicht teuflisch.
Trotzdem empfehle ich Ihnen die Drewermann-Lektüre: Der Mann ist wohlmeinend und belesen, wenn auch etwas verklemmt.
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