Heine: Deutschland – Ein Wintermärchen

Heine: Deutschland – Ein WintermärchenKategorie: Demokratische Märchen
Autor: Heinrich Heine
Taschenbuch, 130 Seiten
€ 6,--

***** (5 von 5 Sternen)

Wie gefährlich Märchen den Mächtigen sein können, erkannten die deutschen Zensoren 1844 sofort, als sie das soeben erschienene Wintermärchen Heines in Händen hielten – und verboten es umgehend. Unterfing sich doch hier ein vor eben dieser Zensur und in Preußen drohender Verhaftung nach Paris emigrierter Schriftsteller, ein getaufter Jude gar, geistreich alles zu verspotten, was den deutschen Spießern und Herrschern gut und heilig war. Das hat heute noch genauso viel Brisanz wie im 19. Jahrhundert, denn, seien wir ehrlich, die Zahl der Spießer und Herrschenden hat schier gar nicht abgenommen, und die Wahl der Mittel sich kaum geändert: Öffentliches Infragestellen von geheimen Beschlüssen ist nach wie vor unerwünscht, und Untertanengeist wird statt mit Festungshaft mit Wasserwerfern einzementiert, siehe die Auseinandersetzungen um Stuttgart 21.

Was also tat der Emigrant Heine? Er sehnte sich so schrecklich nach Deutschland, dass er dorthin reiste (wobei er preußischen Boden sorgfältig vermied). Sein Büchlein schildert im volksliedhaften Versmaß der Vagantenstrophe, wie er im November 1843 bei Aachen die Grenze übertritt und per Postkutsche nach Hamburg fährt. Wie der Riese Antaios kommt er sich dabei vor, dem durch Berühren der Mutter Erde endlich wieder neue Kräfte erwachsen. Doch was muss er erleben? Alles ist grau in grau, die Wege könnte nicht matschiger und scheußlicher sein, das katholische Köln nicht klerikaler, die Menschen nicht militärisch-gedrillter, die Festungsstädtchen nicht bedrückender. Und dabei könnte doch alles ganz anders sein:

Wir wollen auf Erden glücklich sein,
Und wollen nicht mehr darben;
Verschlemmen soll nicht der faule Bauch,
Was fleißige Hände erwarben.

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

Jedoch sein geliebtes Deutschland singt immer noch das Eiapopeia vom Himmel, und als Heine durch das Münsterland fährt, so denkt er an seine alte Amme, die ihm viele, sehr viele Märchen und Sagen erzählte, und davon wiederum erzählt das 14. Kapitel seines Büchleins:

Ein feuchter Wind, ein kahles Land,
Die Chaise wackelt im Schlamme;
Doch singt es und klingt es in meinem Gemüt:
»Sonne, du klagende Flamme!«

Das ist der Schlußreim des alten Lieds,
Das oft meine Amme gesungen -
»Sonne, du klagende Flamme!« Das hat
Wie Waldhornruf geklungen.

Es kommt im Lied ein Mörder vor,
Der lebt' in Lust und Freude;
Man findet ihn endlich im Walde gehenkt
An einer grauen Weide.

Der Mörders Todesurteil war
Genagelt am Weidenstamme;
Das haben die Rächer der Feme getan -
»Sonne, du klagende Flamme!«

Die Sonne war Kläger, sie hatte bewirkt,
Daß man den Mörder verdamme.
Ottilie hatte sterbend geschrien:
»Sonne, du klagende Flamme!«

Und denk ich des Liedes, so denk ich auch
Der Amme, der lieben Alten;
Ich sehe wieder ihr braunes Gesicht,
Mit allen Runzeln und Falten.

Sie war geboren im Münsterland,
Und wußte, in großer Menge,
Gespenstergeschichten, grausenhaft,
Und Märchen und Volksgesänge.

Wie pochte mein Herz, wenn die alte Frau
Von der Königstochter erzählte,
Die einsam auf der Heide saß
Und die goldnen Haare strählte.

Die Gänse mußte sie hüten dort
Als Gänsemagd, und trieb sie
Am Abend die Gänse wieder durchs Tor,
Gar traurig stehen blieb sie.

Denn angenagelt über dem Tor
Sah sie ein Roßhaupt ragen,
Das war der Kopf des armen Pferds,
Das sie in die Fremde getragen.

Die Königstochter seufzte tief.
»O Falada, daß du hangest!«
Der Pferdekopf herunterrief:
»O wehe! daß du gangest!«

Die Königstochter seufzte tief:
»Wenn das meine Mutter wüßte!«
Der Pferdekopf herunterrief:
»Ihr Herze brechen müßte!«

Mit stockendem Atem horchte ich hin,
Wenn die Alte ernster und leiser
Zu sprechen begann und vom Rotbart sprach,
Von unserem heimlichen Kaiser.

Sie hat mir versichert, er sei nicht tot,
Wie da glauben die Gelehrten,
Er hause versteckt in einem Berg
Mit seinen Waffengefährten.

Kyffhäuser ist der Berg genannt,
Und drinnen ist eine Höhle;
Die Ampeln erhellen so geisterhaft
Die hochgewölbten Säle.

Ein Marstall ist der erste Saal,
Und dorten kann man sehen
Viel tausend Pferde, blankgeschirrt,
Die an den Krippen stehen.

Sie sind gesattelt und gezäumt,
Jedoch von diesen Rossen
Kein einziges wiehert, kein einziges stampft,
Sind still, wie aus Eisen gegossen.

Im zweiten Saale, auf der Streu,
Sieht man Soldaten liegen,
Viel tausend Soldaten, bärtiges Volk,
Mit kriegerisch trotzigen Zügen.

Sie sind gerüstet von Kopf bis Fuß,
Doch alle diese Braven,
Sie rühren sich nicht, bewegen sich nicht,
Sie liegen fest und schlafen.

Die Grimmsche Gänsemagd (KHM 89) ist bei Heine das wahre und schöne, aber geknechtete Deutschland, eine entrechtete Prinzessin, deren gouillotiniertes Pferd Falada die große Mutter vertritt, wie ein Dichter auch im Tode noch die Wahrheit spricht - und dem schwächlichen Deutschland am Ende zu seinem Rechte verhilft.

Im Märchen. Aber was tut die Sage? Barbarossa schlurft wie ein alter Mann durch die Säle und lässt seine Soldaten weiterschlafen, und am Ende erzürnt er sich gar über den Dichter, der wiederum erkennt, dass man Könige eh nicht braucht.

In Hamburg angekommen, vergnügt sich Antaios Heine mit der saint-simonistisch gesinnten Göttin Hammonia = Hamburg, welche ihn aber auch einen Blick in Deutschlands Zukunft gewährt: Sie befindet sich im Nachtstuhl der Göttin und stinkt erbärmlich.

Doch es bleibt trotz allem die Drohung des zensierten Dichters an die Mächtigen, vor allem den preußischen König:

Doch gibt es Höllen, aus deren Haft
Unmöglich jede Befreiung;
Hier hilft kein Beten, ohnmächtig ist hier
Des Welterlösers Verzeihung.

Kennst du die Hölle des Dante nicht,
Die schrecklichen Terzetten?
Wen da der Dichter hineingesperrt,
Den kann kein Gott mehr retten -

Kein Gott, kein Heiland erlöst ihn je
Aus diesen singenden Flammen!
Nimm dich in acht, daß wir dich nicht
Zu solcher Hölle verdammen.

Verständlich, dass Herrschende und Deutschtümler jedweder Couleur da nicht begeistert sein können. Und wenn Sie nun noch den Vergleich zu Sönke Wortmanns "Deutschland, ein Sommermärchen" ziehen...

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© Insel Verlag, 4. Auflage 2005

Erstellt am 26.2.2011


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