Untertitel: Magier * Mittler * Heiler
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Linden-Museum Stuttgart, Staatliches Museum für Völkerkunde
Herausgeber: Erich Kasten
In Zusammenarbeit mit dem Russischen Ethnografischen Museum St. Petersburg
250 Seiten, broschiert, 4c
29,4 x 25 x 2,2 cm
€ 32,99
***** (5 von 5 Sternen)
Das Wort Schamane ist ein sibirisches Wort: Es stammt aus der Sprache der Evenken, in der mit mit saman oder xaman religiöse Führer beiderlei Geschlechts bezeichnet werden. Die heute rund 35.000 Evenken leben als Rentiernomaden weit verstreut. Neben ihnen gibt es aber noch 22 weitere Bevölkerungsgruppen, von den nur 700 Ortschen am Amur, über 16.000 Tschuktschen bis hin zu 443.900 Jakuten in Nordostsibirien. So riesig wie das Gebiet, so unterschiedlich ist die Sozialstruktur der einzelnen Völker - von eher egalitären Lebensweisen bis hin zu streng hierarchisch-patriarchalischen. Allen gemeinsam sind jedoch ähnliche Vorstellungen über das Universum, das mit einem Tier wie z.B. einer Schlange, einem Vogel, einem Elch oder einer Robbe assoziiert wird. Diese mythologischen Wesen haben ihren Platz in einer vielschichtig vorgestellten Welt, die von Geistern und Ahnen bewohnt ist. Das Universum unterteilt sich in eine obere (himmlische) Welt, in die mittlere Welt der Menschen und die (unterirdische) Unterwelt. Bei Krankheiten usw. ist es Aufgabe der Schamanin oder des Schamenen, durch die einzelnen Welten zu reisen, um mit den Geistern zu kommunizieren und Gesundheit, Wohlstand und das Gleichgewicht mit der Natur wieder herzustellen.
Den Schamnismus der Tschuktschen zählt man zum Typ des Familienschamanismus: An den rituellen Handlungen nehmen alle Mitglieder einer Gemeinschaft teil. Sogar die Trommel, die bei anderen Völkern Sibiriens nur von den Schamanen benutzt und von anderen ferngehalten wird, ist bei den Tschuktschen allen, sogar Kindern zugänglich. Die Schamenen unterscheiden sich hier von den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft vor allem durch ihre besonderen Schutzgeister (s.S. 146).
In der Mythologie der Tschuktschen, Korjaken und Itelmenen gilt der Rabe als der Erschaffer der Welt wie auch der Trommel des ersten Schamanen. Die größte Tat des Raben war das Herbeibringen des Lichts. Der Rabe konnte Unwetter beruhigen, indem er die Herrin des Wetters mithilfe eines Fliegenpilzes berauschte. Fliegenpilze verhelfen der Schamanin zur Trance und gelten als übernatürliche Wesen, die ähnlich wie die Menschen leben. Sie wurden von der Obersten Gottheit gesandt, erschienen der Schamanin im Traum und führten sie in die Welt der Ahnen, um dort die nötigen Ratschläge zu erhalten. Deshalb aßen Schamanen bei Zeremonien Fliegenpilze. Die Rituale während der Zeit der herbstlichen Rentierschlachtung und des Walfestes wurden meist von den Familienoberhäupten, in der Regel von Frauen angeleitet. Man glaubte, dass Frauen eine besondere Verbindung zur sakralen Welt hatten, denn vor allem sie waren es, die die häuslichen Schutzgegenstände der Familie hüteten. Als besonders mächtig galten Schamanen mit "verwandeltem Geschlecht", das heißt Männer, die sich wie Frauen gaben und umgekehrt. Die Tschuktschen meinten, Frauen seien von Natur aus Schamanen. Sie trugen bisweilen die Kleidung des anderen Geschlechts, doch änderten sie dabei ihre gewöhnliche Lebensweise nicht: Sie hatten Familie, Kinder, betrieben Rentierhaltung und gingen jagen. In dieser Kleidung und mit ihrer Trommel führten die Schamanen der Tschuktschen und Korjaken die Zeremonien durch. Die Praxis des Transvestismus, die auch von anderen sibirischen Völkern bekannt ist, wird damit erklärt, dass dem Schamenen und der Schamanin damit die Kräfte der beiden grundlegenden Prinzipien der Natur, des männlichen und des weiblichen, zur Verfügung standen. Manche Geister zwangen die Schamanen geradezu, das Geschlecht zu wechseln bis hin zur Übernahme des Sozial- und Arbeitsverhaltens des anderen Geschlechts. Weiße Schamanen der Jakuten kleideten sich für eine Reise in die obere Welt in Frauenpelze aus Hengstfohlen, die mit Büscheln von Pferdehaaren eingefasst waren. Auf dem Kopf trugen sie eine Frauenkappe mit Silberring in der Mitte, der Sonnenstrahlen aussandte und die Fruchtbarkeistkräfte der Sonne anziehen sollte. Während der Zeremonie nahm ihr Doppelgänger die Gestalt eines weißen Pferdes an. Man ist der Ansicht, dass diese Erscheinung ihren Ursprung in alten Mutterkulten hat, nach denen ein weibliches Wesen die Urahnin und Beschützerin alles Lebendigen ist. Bei den Tschuktschen und nördlichen Jakuten galten (im Gegensatz zu den anderen Völkern Sibiriens) Schamaninnen gegenüber Schamanen als mächtiger (s.S. 84).
Leider fehlt dem Katalog (der auch äußerst lesenswert ist, wenn man die Ausstellung nicht gesehen hat) ein Sachverzeichnis, ansonsten gibt es nur wenig zu bemängeln.
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(c) 2009 Linden-Museum Stuttgart und Dietrich Reimer Verlag GmbH, Berlin sowie die Autoren und Fotografen