Märchenbuch für Kinder ab 4 Jahren
Autorin und Zeichnerin: Ursula Lichte
Softcover, 61 Seiten mit vielen s/w-Illustrationen
Nur antiquarisch erhältlich, ca. € 7,50
****o (4 von 5 Sternen)
Was tut ein junges Mädchen in den 1930er Jahren, das praktisch nichts gelernt, aber eine überschäumende Phantasie hat? Es folgt dem Ruf des vor den Nazis geflohenen Stiefvaters, fährt mit dem letzten Zug vor der endgültigen Grenzschließung von Berlin nach Basel Badischer Bahnhof und kommt als eine der letzten Deutschen hochoffiziell in die Schweiz. In Basel arbeitet es ein bisschen in der katholischen Wochenzeitung des Stiefvaters Heinrich Pfeifer mit und quartiert sich bei Fräulein Kerlé in der Pension Birsigstüble ein. Es hilft beim Servieren und Betten machen und wird außerdem noch Porzellanmalerin, verlobt sich auch, aber der Verlobte ist ihr zu farblos neben dem Leuchten und Strahlen der katholischen Religion. Also legt Ursula die Gelübde der Dominikanerinnen ab, ohne im Kloster zu leben oder wie ein Nönnchen in der Kutte herumzulaufen, denn gleichzeitig ist sie ja auch noch Hexe. Das passt zu ihr: Nonne sein im Orden, der sich in der Hexenverfolgung besonders hervorgetan hat – und gleichzeitig Hexe. Porzellan malen und außerdem fotografieren, sticken und ein kleines Büchlein mit eigenen Märchen veröffentlichen.
Dieses Märchenbändlein kann in der Sprachkunst nicht mit Grimm oder Andersen mithalten, aber er ist sehr frisch geschrieben und gezeichnet und vermittelt den Eindruck, als ob sich hier wirklich eine Tante hinsetzt und ihren Nichten und Neffen frei von der Leber weg Märchen erzählt. Einige dieser Märchen haben eine religiöse Komponente, andere sind reinweltlich, alle aber strahlen eine unendliche Lebenslust aus:
"Eines Tages aber hatte die Prinzessin gar keine Lust, in die Schule zu gehen. Das war ja kein Wunder, denn es war ein ganz besonders schöner Tag. Die Sonne strahlte vom blauen Himmel und alle Vögel sangen, die Blumen blühten und die Schmetterlinge tanzten. Und da beschloss die Prinzessin, in den Wald zu gehen und an die Schule gar nicht mehr zu denken. Sie war glücklich, als sie so durch das hohe Gras ging und die Sonne durch die Bäume schien und ihr den Weg zeigte. Sie sang sich ein Liedchen und pflückte sich Blumen, und als es Mittag wurde und sie Hunger bekam, setzte sie sich an einen Bach, holte ihr Z´nünibrot hervor und aß es. Viele kleine Vögel kamen geflogen, Rotkehlchen und Amseln und Stare und sogar ein Kuckuck."
Ob die obige Geschichte mit dem letzten Zug in dieser Dramatik stimmt, weiß ich nicht, aber sie ist die letzte, die mir meine Stieftante erzählt hat. Da war sie schon an Magenkrebs todkrank, ich fuhr von Stuttgart nach Rheinfelden zum Krankenhaus und wir spazierten ein wenig am Fluss entlang. Fröhlich und in Frieden ist sie gestorben, wenn auch zum Skelett abgemagert, und der Orden hat den Pater, der nach ihrem Willen die Grabrede halten sollte, tatsächlich unterwegs in Italien ausfindig gemacht – und er ist auch wirklich von Italien nach Basel zurückgekommen und hat die Zeremonie geleitet. Ihre Brüder wussten nie, wann sie die Wahrheit sagte oder wann sie ihre Wahrheit sagte (und waren darob manchmal sehr verzweifelt). Auch über ihre Finanzen wusste sie nie Bescheid, dachte, sie wäre arm und war es doch nicht, wie sich nach ihrem Tod herausstellte. Aber mir war das schnuppe als Kind wie auch als Erwachsener – Ursula war einfach immer meine Lieblingstante.
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http://www.buchfreund.de/productListing.php?used=1&productId=29343407 oder http://www.biblioman.de/info/BScier7938/sachgebiet_4D_E4_72_63_68_65_6E.htm
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