Märchen und Politik

Märchen und Mythen sind zu allen Zeiten politisch ge- und missbraucht worden. Zumeist von konservativen Kreisen, gern auch von Diktaturen. Dass dies nicht unbedingt so sein muss, zeigen in Deutschland die Brüder Grimm selbst. Sie gehörten zu den Göttinger Sieben, jenen Professoren, die entlassen und des Landes verwiesen wurden, weil sie dagegen protestierten, dass Ernst August I. 1837 die vergleichsweise liberale Landesverfassung aufhob. Dazu gehört Mut und kein Untertanengeist. Trotzdem finden sich auch in ihrer Märchensammlung antisemitische Stücke wie z. B. "Der Jude im Dorn".

Die Nationalsozialisten haben dann Volksmärchen und Puppentheater höchst erfolgreich vor ihren Karren gespannt. Max Jacobs und seine (auch heute noch beliebten!) Hohnsteiner Kasperlefiguren waren die Vorzeige-Puppenbühne der Nazis und wurden sogar zur Truppenbetreuung eingesetzt: Ein Feind, den Kasper auf der Bühne tötet, der ist schon halb tot.

"Unpolitische" Volksstücke, so sah es das Reichsinstitut für Puppenspiel vor (das offiziell seinen Sitz in Stuttgart-Sillenbuch hatte, aber de facto aus Kosten- und Kriegsgründen nie von Berlin dorthin gezogen ist), „unpolitische“ Stücke sollten unter den Soldaten die emotionale Bindung an das eigene Kulturgut stärken und ihre Gewissheit nähren, dass diese "einzigartige deutsche Kultur" bis auf den letzten Blutstropfen gegen die "bolschewistischen Horden" zu verteidigen sei. So gesehen war dann das Märchen "Der Fischer und seiner Frau" dazu geeignet, den Angriffskrieg moralisch zu rechtfertigen.

Im Laufe der Zeit machte sich das Reichsinstitut unter Hermann Schultze auch daran, die traditionellen Stoffe der offiziellen antisemitischen Ideologie anzupassen. Das Krokodil, im Puppenspiel der stereotype Antipode zu den Positivfiguren Gretel und Kasper, wich einer normierten und seriell gefertigten Judenfigur. Diesen eher an eine Ziege denn an einen Menschen erinnernden Puppenkopf erhielten die 12 Frontpuppenbühnen zusammen mit völkisch-radikalisierten oder neu verfassten Spieltexten. "Der Jude im Dorn" in einer von Schultze überarbeiteten Fassung zeigt, wie über das Medium Puppenspiel Pogromstimmung erzeugt werden konnte: Am Ende des Stückes erhängt der „gute“ Kasper stellvertretend für alle „guten“ Deutschen den Juden Levi Blauspan stellvertretend für alle Juden. Einige Soldaten reagierten mit euphorischen Eintragungen ins Besucherbuch des jeweiligen Theaters: "Denn wie man ab den Teufel wehrt / Hat Euer Kasper uns gelehrt." (Quelle: Berliner Zeitung, 7.11.1997 „Das letzte Gastspiel des Zirkus Hitler“, Stefanie Flamm)

Wie unterschiedlich Märchenillustrationen im Laufe der Zeit waren, kann man übrigens auch im Brüder-Grimm-Museum in Kassel nachverfolgen - hie blondbezopfte BDM-Gretel und Hänsel in Krachledernen, dort das finstere Böse – so sahen es die Nazis.

Auch heute noch werden Märchen und Mythen eher von konservativen Kreisen gepflegt - und von Konzernen vor den eigenen Karren gespannt. So ist ausgerechnet Vattenfall (Betreiber von 7 Kernkraftwerken, darunter das Pannen-AKW Krümmel) Hauptsponsor der sog. "Vattenfall 20. Berliner Märchentage". "Weltgeschichten - Von Schöpfern und Geschöpfen" heißt zynisch das Vattenfall-Motto für 2009, zu dem jedes Jahr vom Deutschen Zentrum für Märchenkultur „Märchenland“ in Berlin und Brandenburg rund 1.000 Veranstaltungen an rund 300 Orten angeboten werden - 2,5 Mio. Besucher sind in den vergangenen Jahren gekommen. Natürlich finden 2009 sechs der Veranstaltungen auch gleich direkt im Vattenfall Center statt, z. B. eine sinnige mit dem Titel "Wie die Dummheit auf die Welt kam". "Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne" wirbt dazu die Commerzbank und wird gewisslich nicht über die Anfänge des Kapitalismus und des Verleihens von Geld gegen Zins und Zinseszins berichten.

Auch bei Kirchen, Moscheen und Anthroposophen sind Märchen ein beliebtes Thema, nicht nur in Berlin, sondern auch in Flensburg, wo es 2009 sogar eine Märchen-Gottesdienstreihe gab. Frau Holle war mit von der Partie, und ich leider nicht in Flensburg, sodass ich nicht berichten kann, was eine evangelische Pastorin zu solch einem unchristlichen Märchen gepredigt hat.

Dass dies alles nicht so sein muss, liegt auf der Hand. Ebensogut wie zu blindem Autoritätsglauben können Märchen Menschen dazu anregen, selbständig zu denken und unabhängig zu werden. Lesen Sie dazu Bettelheims "Kinder brauchen Märchen" (http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423350288/holleland-21) oder eine der diversen Sammlungen mit Namen wie "Märchen von starken Frauen" (z.B. www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3423203862/holleland-21). Und natürlich stecken selbst hinter den Berliner Märchentagen nicht nur Konservative, sondern es gibt auch Veranstaltungen in ganz normalen Buchhandlungen, dem Kindermuseum Labyrinth, Kinderbibliotheken usw....

Behalten Sie also im Hinterkopf, dass Märchen und Mythen vielfach die einzige Möglichkeit waren (und sind!) bei „denen da oben“ unliebsames, unangepasstes Gedankengut an andere weiterzugeben!


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