Ravel: L´enfant et les sortilèges / Ma mère l´oye

Ravel: L´enfant et les sortilèges / Ma mère l´oyeMärchenoper und Märchenballett
Komponist: Maurice Ravel
Dirigent: Simon Rattle
Berliner Philharmoniker
CD, Spieldauer 72'58“, mit Booklet
€ 9,97

****o (4 von 5 Sternen)

Die Komposition ist genial, die Einspielung kongenial, das Booklet jedoch eine Katastrophe (verantwortlich für die deutsche Übersetzung: Eckhardt van den Hoogen), und die Erziehungsmethoden in L´enfant et les sortilèges („Das Kind und die Hexereien“) nach einer Geschichte von Colette atmen noch den Geist des 19. Jahrhunderts.

Worum geht es in der Märchenoper? Ein kleiner Junge sitzt in einem altmodischen normannischen Haus und hat nicht die leiseste Lust, Hausaufgaben zu machen (denn die Erwachsenen haben es nicht für nötig befunden, ihm zu erklären, wozu die gut sein sollen). Er will nach draußen! Er will Kuchen essen! Er ist sauer und aggressiv. Mama kommt herein und bestraft ihn: Tee ohne Zucker! Trocken Brot! Alleinbleiben bis zum Abendessen! Als sie die Tür schließt, kriegt das Kind einen Tobsuchtsanfall, zerschlägt Teekanne und Tasse, verletzt das gefangene Eichhörnchen, zieht den Kater am Schwanz, zerstört das Pendel der Standuhr, zerfetzt Bücher, Hefte, Mustertapete. Doch plötzlich werden die Gegenstände im Zimmer lebendig und beginnen, das Kind zu bedrohen und anzuklagen.

Die Sonne geht unter, der Mond auf. Der Kater stolziert hinaus in den Garten zu seiner Kätzin, und das Kind folgt ihm. Draußen beklagen sich Tiere und Pflanzen über die Wunden, die ihnen der Junge in der Vergangenheit zugefügt hat, über die von ihm gemeuchelten Partnerinnen und Partner. Sie verbünden sich gegen den Jungen und fallen über ihn her. Doch einem Eichhörnchen hat er vor kurzem die Pfote verbunden, und als er ohnmächtig zu Boden fällt, beginnen die Tiere dann doch, nach der Retterin, seiner Mutter zu rufen, die schließlich auch herbeieilt. "Maman!" ruft das erwachende Kind und streckt die Arme nach ihr aus. Finale. Das könnte im Struwwelpeter kaum moralinsaurer stehen, wenn das Werk Ravels auch viel jünger ist: Die Uraufführung fand am 21.3.1925 in Monte Carlo statt.

Bekannter ist Ma mère l´oye („Meine Mutter, die Gans“) aus den Jahren 1908-12. Ravel hat hier einige Stücke aus der gleichnamigen Märchensammlung Charles Perraults, aber auch Mme de Villeneuves und Mme d´Aulnoys vertont – ursprünglich für Klavier zu vier Händen. Auf der vorliegenden CD ist die Orchesterfassung des Balletts mit Vorspiel, 5 Bildern und Apotheose zu hören. Als Rahmenhandlung diente Ravel die barocke französische Version des jüngeren Grimmschen Dornröschens, „La Belle au bois dormant“ (die übrigens auch die Basis des Balletts von Tschaikowsky bildet). Während ihres Schlafes treten die Schöne und das Biest auf, der kleine Däumling und die hässliche Kaiserin der Pagoden. Schließlich betritt der Prinz den Feengarten, küsst das Mädchen, sie erwacht und alle freuen sich.

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