Staatsgalerie

Mit Märchen hat die Staatsgalerie wenig im Sinn, dafür mit Mythen um so mehr. Seit dem 12.12.2008 wird die Sammlung in neuen Räumen neu präsentiert, und das hat für Sie den großen Vorteil, dass bis zum 1.6.2009 der Eintritt kostenlos ist. Durch die gelungene Neupräsentation finden Sie plötzlich einen ganz Modernen zwischen alten Meistern - und im klassizistischen Altbau (1883-45) mit seinen schönen schwarzen Säulen und dem Stuck nicht etwa einen Spitzweg, sondern eben: 20. Jahrhundert.

Auf den ersten Blick wirkt die Staatsgalerie alles andere als romantisch (wenn man vom klassizistischen Altbau vielleicht einmal absieht): Sie stammt vom englischen Architekten James Stirling und wurde mit poppigen Farben in den Jahren 1979-84 errichtet. Zum wahren Kultobjekt avancierte der PVC-Noppenfußboden: Er ist schreiend grasgrün! Insgesamt aber wirkt der Neubau (zu dem ein ganzes Ensemble vom Kammertheater bis zur Musikhochschule gehört) sehr harmonisch – und sobald Sie sich auf den Innenhof, die sogenannte Rotunde, vorgewagt haben, werden Sie feststellen, dass auch Neubauten äußerst intim und verzaubert sein können, wenn ein Künstler wie Stirling Hand angelegt hat! Sandstein und Travertin geben der Rotunde eine warme Ausstrahlung, und außerdem finden Sie hier zwischen den Sitzplätzen eine ganze Reihe von Skulpturen, u.a. vom Stuttgarter Dannecker oder Donato Bargaglias „Liebe macht blind“ aus dem Jahre 1884 – Amor bedeckt einer Venus die Augen.

Wir haben unseren Rundgang im Obergeschoss der Neuen Staatsgalerie begonnen. In Raum 38 finden Sie den Friedenshasen mit Zubehör von Joseph Beuys (1982). Beuys hat dafür eine Kopie der Zarenkrone Iwans des Schrecklichen aus Gold und mit 127 Edelsteinen umgeschmolzen in einen Hasen und eine Sonne - zwecks Demokratisierung der Verhältnisse. Den Kunstwerken von Beuys liegt die Suche nach dem in der Moderne angeblich verloren gegangenen ganzen Menschen zugrunde. In seinen Aktionen, die immer von seinen mündlichen oder schriftlichen Kommentaren begleitet waren, versuchte er, Natur, Kultur, Mythos und Wissenschaft eins werden zu lassen. Zum Friedenshasen sagte Beuys: "Der Hase ist ja in der alten Alchemie ein Zeichen für die Wandlung, für die Transsformation. Deswegen war es für die mittelatlerliche Wissenschaft ein Zeichen der Chemie, weil sie unter der Alchemie die Transformation des Geistes verstanden haben... Die Idee der Alchemisten war, das Gold im Innern zu wandeln, das Herzorgan, das Zentralorgan (die Sonne) auf die Erde zu holen." Schlacke hat es dabei natürlich auch gegeben. Das ganze befindet sich sicher in einem gläsernen Safe. Und auch wenn Sie den Ausführungen Beuys´ vielleicht nicht ganz folgen wollen: Hübsch anzusehen ist sein Kunstwerk allemal.

In Raum 34 finden Sie ein Bild van Balens, "Das Urteil des Midas" (1606). König Midas wurde aufgefordert zu entscheiden, wer schönere Musik mache: Apollo oder Pan auf seiner Flöte. Midas entschied sich für Pan, und dafür hat Apollo ihm Eselsohren aufgesetzt - eine Strafe, die der Maler offenbar gerecht findet. Wir wissen nicht, wie der arme Midas von Pan bestraft worden wäre, wenn er sich für Apollo entschieden hätte. Aber vielleicht wäre Pan, der ja eh schon "Alles" ist, toleranter gewesen....

In Raum 33 können Sie Venus bei Ihrer Toilette bewundern (ein Werk von Vasari aus dem Jahre 1558).

Raum 32 zeigt eines meiner Lieblingsbilder, die Parze Lachesis von Bellotti aus dem Jahre 1654. Lachesis ist die mittlere der Parzen, sie bemißt die Länge des Lebensfadens. Bellotti hat eine alte Bauersfrau in malerischer Tracht als Modell genommen, braungebrannt und voller Falten bis tief zum Busenansatz hinunter - und trotzdem ist sie schön und würdevoll. Von diesem Bild können Sie übrigens auch eine Postkarte im Museumsshop erwerben.

Raum 31 ist Max Beckmann gewidmet. Die Reise auf dem Fisch von 1934 ist in düsteren Blau-, Schwarz- und Brauntönen gehalten. Zwei Liebende mit Masken sind auf zwei Fischen festgebunden, und es geht definitiv abwärts. Er hat das Bild noch in Deutschland gemalt, vor seiner Emigration über Amsterdam nach New York. Aber auch wenn es hier noch bergab geht, verheißt der Fisch doch auch Wiedergeburt und Neuanfang. Und vielleicht symbolisieren die Fische ja auch Rettung durch Flucht übers Meer? Ein kosmisch-mythischer Liebestraum ist hier auf alle Fälle dargestellt.

In Raum 28 finden Sie unter anderem von Pellegrini das Bacchanal (1715/16) und von Pittoni "Bacchus und Ariadne", zwischen 1678 (seiner Geburt) und 1767 (seinem Tod) entstanden. Hier geht es definitiv um die fröhlicheren und tierischen Aspekte der griechischen Mythologie.

Raum 20 zeigt Diana auf der Jagd von Bechtejeff (1912).

In Raum 8a finden Sie Zeichnungen Daneckers, zum Beispiel: Aphrodite retten Paris im Kampf gegen Menelaos, um 1800 wurde das so gesehen.

Nebenan die Präraffaeliten, die das Mythische wahrlich geliebt haben. Nur ein Beispiel: Burne-Jones´s Auffindung der Medusa, zwischen 1876 und 1890 entstanden.

Auch Feuerbachs Iphigenie von 1872 (in Raum 12) verweist unübersehbar groß auf die griechische Mythologie.

Danach konnten wir uns leider nur noch einen Schnelldurchgang durchs obere Stockwerk leisten, vom unteren haben wir schier gar nichts gesehen, denn unsere Tochter (4 1/2 Jahre) erklärte kathegorisch: Dieses Museum ist zu groß für mich!

Und deshalb müssen Sie sich nun selbst auf die Suche nach den folgenden Bildern machen, die auf jeden Fall im Besitz der Staatsgalerie sind - aber wo sie genau hängen, kann ich Ihnen seit dem 12.12. nicht mehr verraten:

* Etwas für die Düsterromantischen, die Verehrer von Edgar Allan Poe: Andrea Locatelli (1695-1741) hat eine magische Szene in Szene gesetzt, die es in sich hat: Ein Beschwörer steht im Mittelpunkt, umgeben von Gerippe, Hexe, Ungeheuer und einem Erhenkten, dessen Leiche geschändet wird. Wem es da nicht ordentlich gruselt!

* Rombout van Troyen (1643): Antiker Grotten-Tempel. Ein vom Format her ganz kleines Gemälde, Sie müssen genau hinschauen! Ganz anders behandelt er das Magische behandelt als Locatelli – hier ist es mehr eine weiblich dominierte Naturmagie, die verzaubernd wirkt, nicht erschreckend. Im Zentrum des Geschehens, vor einem wunderschönen Brunnen, stehen drei junge Frauen und eine Alte, vermutlich Hexen, die vielleicht eine Opferhandlung vorbereiten, neben ihnen sitzt ein Ziegenbock mit einem wirklich langen Bart. Vielleicht soll er das Opfertier sein – aber er wirkt doch sehr heiter. Mystisch-geheimnisvoll die ganze Szene, tauchen Sie ein und vergessen Sie, dass Sie in einem Museum sind.

Und schließlich gilt es doch noch etwas Märchenhaftes zu entdecken: 4 Bühnenbilder von Oskar Schlemmer aus dem Jahr 1928 zu dem Tanzmärchen „Spielzeug“, unterlegt von Tschaikowskis Nussknacker-Musik. Es beginnt mit dem Maskentanz, geht weiter über den Trepak und die Märchenfee und endet schließlich mit einem wunderschönen Zaubergarten. In diesen Bildern habe ich nichts Bedrohliches gefunden, Sie können sich also ganz beruhigt dem Märchenhaften hingeben!

Staatsgalerie Stuttgart, Konrad-Adenauer-Str. 30-32, Stuttgart, T 0711/47040-0, www.staatsgalerie.de, Mi, Fr, Sa, So 10-18 Uhr, Di, Do 10-20 Uhr, Kunstnacht einmal im Quartal von 18-24 Uhr (sehr zu empfehlen).


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