Stadtrandsiedlung Malchow / Märchenland e.V.

Pittiplatsch und Schnatterinchen***oo (3 von 5 Sternen)

Wie viele deutsche Städte, so hat auch Berlin eine Gegend zu bieten, in der die Straßen nach Märchen benannt sind. Meist ist dies dann das einzig Märchenhafte an ihnen, und als ich bei meinem letzten Berlinbesuch auf einem Bus (Linie 255) „Schwarzelfenweg“ als Endhaltestelle las und feststellte, dass dieser sich im ehemaligen Ostberlin befindet, stellte ich mir eine trostlose Plattenhaussiedlung vor. Es kam anders.

Der Schwarzelfenweg gehört zur Stadtrandsiedlung Malchow im Nordosten Berlins und ist nach Blankenfelde der am allerwenigsten besiedelte Ortsteil. Er wurde in der Zeit des Nationalsozialismusses (1936-39) erbaut, was hinreichend erklärt, warum die Straßen zumeist nach Figuren und Orten aus der nordischen Mythologie benannt worden sind. Große Einfamilienhäuser stehen hier, aber auch Villen mit Swimmingpools oder etwas, was die Besitzer Finca zu nennen sich nicht scheuen. An der Ecke Ostaraweg/Ullerplatz gibt es einen sehr großen und recht schönen Kinderspielplatz, den wir mit unserer Tochter ganz allein genießen konnten (es war so um die Mittagszeit und Montag). Alles erinnerte mich ein bisschen an das Rudow meiner Kindheit in den 60er Jahren, die schönen Sonntage im Garten meiner Tante mit Streuselkuchen, selbstgemachter Johannesbeerschorle, Teich und Hollywoodschaukel.

An die Stadtrandsiedlung schließt sich die autofreie Kleingartenanlage „Märchenland“ an (und an diese wiederum der Stadtrandpark „Neue Wiesen“, der zum zum Naturpark Barnim gehört). „Liebe Märchenländer“ begrüßt ein Schreiben des Vorstands am Eingang die Kleingärtner und neugierige Besucher wie uns. Und schon laufen Sie über den Gebrüder-Grimm-Weg, von dem alles abzweigt, was bei den Grimms, Andersen, Hauff und 1001 Nacht Rang und Namen hatte. Auch ein Frau-Holle-Weg fehlt natürlich nicht. Die Wegnamen wurden, wie ich gelesen habe, ab 1939 vergeben. Es sind große „Klein“gärten, mit großen Datschen drauf, und dass nicht alles von den Nazis stammt, zeigen die Namen Pittiplatschweg und Schnatterinchenweg – es handelt sich dabei um einen Kobold und eine Ente aus dem DDR-Kinderfernsehen („Meister Nadelöhr erzählt Märchen“, später traten sie auch im Ostsandmännchen auf).

Aber wie wirkt das alles, wenn man vom Nazihintergrund nichts weiß (so wie wir damals)? Sehr grün, sehr beschaulich, mit einer noch erträglichen Anzahl von Gartenzwergen bestückt, sehr erholsam, ungroßstadtmäßig, zum Entspannen, und bis auf die relativ niedrig fliegenden Flugzeuge völlig ruhig. Es sind nicht die ganz armen Kleingärtner, die hier ihre Parzelle bebauen.

Lange kann man spazieren gehen und einfach sein, so lange, dass ein für später geplantes Sightseeing-Projekt eventuell ins Wasser bzw. die Berliner Weiße mit Himbeerschuss fällt.

Zwei Lokalitäten hat das Märchenland zu bieten, die „Märchenquelle“ und die „Märchenklause“, beide nebeneinander im Reineke-Fuchs-Weg gelegen. Zur „Märchenquelle“ kann ich nichts sagen, da bei unserem Besuch geschlossen. Der Innenraum der „Märchenklause“ versprüht den Charme einer deutschen Eckkneipe mit dunklem Holz und Daddelautomaten. Auf dem Weg zum Klo gibt es jedoch mit etwas Phantasie einen großen Märchenspiegel mit Schmiedeeisen und grünen Schmelzglasblättern. Draußen sitzt man im ruhigen Garten auf Holzbänken unter Linden und Langneseschirmen, schaut auf eine merkwürdig geformte, efeuumrankte Kiefer und isst preiswert-ostdeutsch-gutbürgerlich. Getränke kommen schnell, auf das Essen muss man etwas länger warten, dafür ist es dann aber auch frisch zubereitet. Für die Kinder gibt es vier märchenhafte Gerichte zur Auswahl:

* Frau Holle (Milchreis mit Zimt und Zucker oder Apfelmus)
* Moby Dick (Fischstäbchen auf Mischgemüse und Pommes)
* Rotkäppchen (Spaghetti, dazu Tomaten-Rahm-Soße)
* Hans im Glück (Goldene Chicken Nuggets und Pommes)

Die Portionen sind mehr als üppig bemessen, die Bedienung auch zu Kindern herzensgut. Zum Nachtisch bekam unsere Tochter ein Mickey-Mouse-Pappschälchen mit drei Schmetterling-Fruchtgummis geschenkt. Und auf der Rechnung steht tatsächlich: Bediener 2 ...hat Dich lieb!


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