Autor: Ludwig Tieck
400 Seiten
€ 8,60
****o (4 von 5 Sternen)
Mein eigenes Tiecksches Reclam-Heftchen (Nr. 7732, Stuttgart 1980) umfasst nur 79 Seiten und die Märchen „Der blonde Eckbert“ (entstanden 1797), „Der Runenberg“ und „Die Elfen“, zusammen mit einem Nachwort von Konrad Nußbächer. Es ist zur Zeit nicht lieferbar. Das hier abgebildete Reclam-Heft enthält außerdem noch „Der getreue Eckart und der Tannenhäuser“, „Liebeszauber“, „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“ und „Der Pokal“.
Ein Meisterwerk der Frühromantik, heißt es im Nachwort, sei der blonde Eckbert, dem 1802 der Runenberg und später die Elfen folgten. Anders als die meisten Volksmärchen sind diese Kunstmärchen gruselromantisch, oder, wie Nußbächer etwas schwülstig schreibt: „In diesen Märchen leben der Schauer magischer Mächte, der „Nachtseiten“ in Natur und Menschenseele, des traumhaften Verlorenseins an dieses Reich des Unbewußten und der Wunder, das bald in holder Lieblichkeit, stärker noch in dämonischem Grauen durchbricht. Vom Volksmärchen sind sie trotz schlichten Erzählstils und verwandter Motive durch ihren Ausdruck gefährdeter Seelenlage unterschieden, sie entstammen nicht mythischer Geborgenheit.“ (S. 76 in meiner Ausgabe).
Was sind das für Nachtseiten, mit denen Tieck ebenso wie die meisten anderen Romantiker nicht klar kam? Lassen wir ihn selbst sprechen (Runenberg, S. 32ff): „Plötzlich sah er ein Licht, das sich hinter dem alten Gemäuer zu bewegen schien. Er sah dem Scheine nach und entdeckte, dass er in einen alten geräumigen Saal blicken konnte, der wunderlich verziert von mancherlei Gesteinen und Kristallen in vielfältigen Schimmern funkelte, die sich geheimnisvoll von dem wandelnden Lichte durcheinander bewegten, welches eine große weibliche Gestalt trug, die sinnend im Gemache auf und nieder ging. Sie schien nicht den Sterblichen anzugehören, so groß, so mächtig waren ihre Glieder, so streng ihr Gesicht, aber doch dünkte dem entzückten Jünglinge, dass er noch niemals solche Schönheit gesehn oder geahndet habe.
Er zitterte und wünschte doch heimlich, dass sie zum Fenster treten und ihn wahrnehmen möchte. Endlich stand sie still, setzte das Licht auf einen kristallenen Tisch nieder, schaute in die Höhe und sang mit durchdringender Stimme (...). Als sie geendigt hatte, fing sie an sich zu ENTKLEIDEN und ihre Gewänder in einen kostbaren Wandschrank zu legen. Erst nahm sie einen goldenen Schleier vom Haupte, und ein langes, schwarzes Haar floss in geringelter Fülle bis über die Hüften hinab; dann löste sie das Gewand des Busens, und der Jüngling vergaß sich und die Welt im Anschauen der überirdischen Schönheit. Er wagte kaum zu atmen, als sie nach und nach alle Hüllen löste; NACKT schritt sie endlich im Saale auf und nieder, und ihre schweren, schwebenden Locken bildeten um sie her ein dunkel wogendes Meer, aus dem wie Marmor die glänzenden Formen des reinen Leibes abwechselnd hervorstrahlten. Nach geraumer Zeit näherte sie sich einem andern goldenen Schranke, nahm eine Tafel heraus, die von vielen eingelegten Steinen, Rubinen, Diamanten und allen Juwelen glänzte, und betrachtete sie lange prüfend. Die Tafel schien eine wunderliche, unverständliche Figur mir ihren unterschiedlichen Farben und Linien zu bilden; zuweilen war, nachdem der Schimmer ihm entgegenspiegelte, der Jüngling schmerzhaft geblendet, dann wieder besänftigten grüne und blau spielende Scheine sein Auge: er aber stand, die Gegenstände mit seinen Blicken verschlingend und zugleich tief in sich selbst versunken. In seinem Innern hatte sich ein Abgrund von Gestalten und Wohllaut, von Sehnsucht und WOLLUST aufgetan, Scharen von beflügelten Tönen und wehmütigen und freudigen Melodien zogen durch sein Gemüt, das bis auf den Grund bewegt war: er sah eine Welt von Schmerz und Hoffnung in sich aufgehen, mächtige Wunderfelsen von Vertrauen und trotzender Zuversicht, große Wasserströme, wie vor Wehmut fließend. Er kannte sich nicht wieder und erschrak, als die Schöne das Fenster öffnete, ihm die magischer steinerne Tafel reichte und die wenigen Worte sprach: „Nimm dieses zu meinem Angedenken!“ Er fasste die Tafel und fühlte die Figur, die unsichtbar sogleich in sein Inneres überging, und das Licht und die mächtige Schönheit und der seltsame Saal waren verschwunden. Wie eine dunkele Nacht mit Wolkenvorhängen fiel es in sein Inneres hinein, er suchte nach seinen vorigen Gefühlen, nach jener Begeisterung und unbegreiflichen Liebe, er beschaute die kostbare Tafel, in welcher sich der untersinkende Mond schwach und bläulich spiegelte.“ (Hervorhebungen von mir.)
Es ist also Nacht, der Mond scheint, geheimnisvolle Ruine, Geisterlicht und Edelstein, und eine wunderschöne Schwarzhaarige – natürlich kann sie nicht blond sein! - zieht sich nackig aus. Schrecken über Schrecken! Ewiges Verhängnis! Eine Venus im Venusberge! Bei Tage natürlich ein hässliches, altes Waldweib – denn Sex bei Tageslicht, das kann ja nur hässlich und verderbt sein! Was ein Glück, dass er danach der blonden Kirchgängerin Elisabeth begegnet, mit der er schöne blonde kleine Kinderlein zeugen kann (natürlich wird nie beschrieben, dass sie auch mal nackt ist, das gehört sich nicht). Aber am Ende, Schicksal, Grauen, will er denn doch wieder zu seiner schwarzen Venus in den Runenberg hinein, zum Verderben seiner Frau und seiner Kinderlein. Bürgerlicher Tannhäuser auf verheiratet.
Dem blonden Eckbert geht’s nicht viel besser, nur dass diesmal seine Angetraute an allem Schuld ist und ihn ins Verderben stürzt – was kann ein Mann schon gegen die Verlockungen, da muss er ja zum Mörder werden. Am besten von allen drei Märchen gefallen mir „Die Elfen“. Denen geht es zwar zum Schlusse schlecht, und sie müssen, weil von einer Frau verraten, das Land verlassen, aber immerhin gibt es dazwischen sehr hübsche Schilderungen der elfischen Gefilde (S. 57): „Sie gingen durch die erzene Tür des Palastes. Da saßen viele schöne Frauen umher, ältere und junge, im runden Saal, sie genossen die lieblichsten Früchten und eine herrliche, unsichtbare Musik erklang. In der Wölbung der Decke waren Palmen, Blumen und Laubwerk gemalt, zwischen denen Kinderfiguren in den anmutigsten Stellungen kletterten und schaukelten; nach den Tönen der Musik verwandelten sich die Bildnisse und glühten in den brennendsten Farben; bald war das Grüne und Blaue wie helles Licht funkelnd, dann sank die Farbe erblassend zurück, der Purpur flammte auf und das Gold entzündete sich; dann schienen die nackten Kinder in den Blumengewinden zu leben und mit den rubinroten Lippen den Atem einzuziehn und auszuhauchen, so dass man wechselnd den Glanz der weißen Zähnchen wahrnahm sowie das Aufleuchten der himmelblauen Augen.“ Wie anders doch als die Burgbeschreibung im Runenberg – aber natürlich ist hier denn auch nicht von Sex die Rede.
Mir persönlich ist E.T.A. Hoffmann lieber, aber das ist natürlich Geschmackssache. Zum Bestellen können Sie auf folgenden Link klicken: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3150182409/holleland-21
© Reclam, Ditzingen 2003