„Ein Park zum Verlieben“ laut Eigenwerbung! Auf jeden Fall der beste Ort in Stuttgart, um Amethystglanzstare, Elfenblauvögel, Regenbogenboas, Drachenköpfe, Paradiesvogelblumen oder Venusschuhorchideen für sich zu entdecken.
Ein paar Vorschläge zum Einstieg:
• Wenn Ihnen die eingesperrten Tiere Leid tun, dann konzentrieren Sie sich auf die Gewächshäuser und den maurischen Garten mit Seerosenteich.
• Die Wilhelma ist ein typischer Fall für Picknick mitnehmen, denn die Gastronomie beschränkt sich auf grauslichte Massenabfertigung zu überhöhten Preisen.
• Tipp: Einen Tag wählen, wo die Magnolien (April) oder Seerosen blühen und der Andrang nicht so hoch ist. Oder: Die Nacht, in der die Königin der Nacht blüht (Juli).
• Heiraten Sie doch in der Damaszenerhalle (zuständig ist das Standesamt Bad Cannstatt).
Die Wilhelma ist der einzige zoologisch-botanische Garten Europas und gehört zu den schönsten der Welt. Ich selbst bin keine Zoogängerin, eigentlich mag ich nur botanische Gärten und Aquarien, aber in Stuttgart-City kommen Sie kriegsbedingt nicht um um die eingesperrten Affen herum (weiter außerhalb gibt es zum Glück noch die Hohenheimer Gärten). Da es mir jedoch nicht gelingen will, mich angesichts frustrierter Gefängnislangeweile zu verlieben, wie ich’s ja laut Eigenwerbung tun soll, konzentriere ich mich auf die historische Anlage, die Pflanzen, und werfe nur einen kurzen Blick ins Aquarium und ins Amazonienhaus.
Die Wilhelma heißt Wilhelma, weil ihr Begründer, König Wilhelm I., hier ganz und gar dem Maurisch-exotisch-abenteuerlich-romantischen frönen wollte. Deshalb erschien es als gut „morgenländische“ Sitte, das Gebäude nach seinem Bauauftraggeber zu benennen. Als 1829 auf dem Gelände der heutigen Wilhelma Mineralquellen gefunden wurden, wollte der König hier zunächst ein Badehaus mit Orangerie errichten lassen. Der Bau der Anlage wurde schließlich erst 1837 als „Gartenhaus mit Wohngebäuden und Ziergewächshäusern im maurischen Stil“ in Auftrag gegeben. Bis zur Fertigstellung dauerte es dann noch einige Jahre, nämlich bis zur Hochzeit des Kronprinzen mit der Zarentochter Olga Nikolajewna 1846, denn Württemberg hatte gerade erst eine große Hungersnot erlebt, und da waren Geldausgaben dieser Art beim Volk nicht gut angesehen. Zumal das alles rein privat war, erst 1880 ließ der König den Park zumindest ab und an für Besucher öffnen, und erst nach den massiven Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg entstand 1950 die Kombination mit dem Zoo. Heute finden Sie hier 1.000 verschiedene Tier- und 5.000 verschiedene Pflanzenarten.
Dass Sie hier einen schwäbischen Abklatsch der Alhambra zu Gesicht bekommen werden, merken Sie schon, wenn Sie von der Neckarseite aus von Süden nach Norden zur Eingangsrotunde laufen. Die Mauer ist nicht schnöder Gussbeton – sondern eben eine bräunlichrötliche „maurische“ Mauer mit Terracotta-Dekorkeramik. Sie ist nicht nur hübsch, sondern war für den König auch recht praktisch, schirmte sie sein Luxusleben doch wunderbar von dem der armen, manchmal hungernden und eben auch verhungernden Stuttgarter Bevölkerung ab. Angestellt hat er keinen „maurischen“ oder vielleicht arabischen Baumeister, sondern den Sohn eines bedeutenden Breslauer jüdischen Arztes, den am 6. August 1796 geborenen Karl Ludwig von Zanth. Was Sie hier sehen werden, ist also nicht echt, aber schön finde ich’s doch. Der ganze Komplex, incl. allen Nebengebäuden, dem Wilhelmatheater von 1839/40 und dem Park, steht schon seit 1924 unter Denkmalschutz.
„In Deutschland verdient keine Stadt mehr den Namen Bagdscheserai, d.i. der Gartenstadt, als Kannstatt bei Stuttgart, nicht nur wegen der schönen und sinnreichen Wasserkünste des Gartens, sondern auch wegen des maurischen Baues des königlichen Lustschlosses Wilhelma, welcher die morgenländischen Wunder der Alhambra in das Zauberthal des Neckars versetzt und an Schönheit und Merkwürdigkeit gewiss den von allen Beschreibern der Krim so hoch gepriesenen Zauber des Palastes von Bagdscheserai bei weitem an Schönheit und Romantik übertrifft“, berichtete der Wiener Orientalist Joseph von Hammer-Purgstall in seinem 1856 erschienenen Buch 'Geschichte der Chane der Krim unter osmanischer Herrschaft' von der Wilhelma.
In der Nacht vom 19. auf den 20.10.1944 wurde ein Großteil dieses „morgenländischen Wunders“ von alliierten Bomberpiloten zerstört. Vom maurischen Schloss des Königs an der Oberseite des Inneren Gartens finden Sie heute nur noch ein paar Gewächshäuser (unter anderem sind dort die Nachttiere untergebracht), von dem an der Ostseite gegenüberliegenden Festsaal nur noch einen Wandelgang, an den das Aquarium anschließt. Aber auch diese kümmerlichen Ruinen sind noch im höchsten Maße beeindruckend! Lassen Sie uns also losgehen!
Nachdem Sie von der Neckarstraße aus über die Eingangsrotunde den Garten betreten haben, kommen Sie direkt in das erste einer Unzahl von historischen Gewächshäusern, die sich im unteren Gartenteil und auf den maurischen Terrassen befinden. Die einzelnen Häuser werden den unterschiedlichen klimatischen Ansprüchen ihrer Bewohnerinnen gerecht, Sie finden hier Kakteen (unter anderem die oben angekündigte „Königin der Nacht“!), tropische Kleinvögel, Palmen und viele andere. Mit den 5.000 Orchideenpflanzen der Sammlung beginnt das botanische Jahr in der Wilhelma, etwas später folgen die 30 Sorten von Kamelien und Azaleen. Während der Fuchsienblüte von Mai bis September erleben Sie hier Hochstämme, Büsche und Ampelpflanzen in über 180 Arten, mit Tausenden von Blüten bedeckt.
Durch den Maurischen Wandelgang kommen Sie auch bei Regen trockenen Fußes von den unteren Gewächshäusern in das Aquarium: Ich mag Aquarien durchaus, wenn Sie hier leider auch Anschauungsmaterial genug dafür finden, wie gedankenlose Besucher es regelmäßig schaffen, die Tiere durch Bewerfen mit Geld und anderen Gedankenlosigkeiten zu einem qualvollen Tod zu verhelfen. Fast am offiziellen Ende des Aquariums befand sich früher ein kleines Becken mit meinem örtlichen Lieblingstier, dem Australischen Fetzenfisch (einer Art Seepferdchen) - vermutlich sind die Tierchen in der Zwischenzeit verstorben. Aber auch Seesternen und –anemonen schaue ich gerne zu.
Wenn Sie nun wieder den Wandelgang betreten, kommen Sie zum Herzstück der historischen Wilhelma, dem Maurischen Garten. Hier blühen im Frühjahr Meere von Magnolien, es ist der größte Hain dieser Art in Europa. Im Zentrum des Gartens befindet sich der Seerosenteich, und ich habe mir immer vorgestellt, hier einmal im Sommer ein Blind Date zu haben – wozu es aber nie gekommen ist. Der Teich wird beheizt und eignet sich deshalb nicht für unsere heimische Nymphea Alba, sondern für die tropischen Riesenseerosen vom Amazonas und dem Rio Paraná. Auch Lotosblumen wachsen hier, und dazwischen tummelt sich der Koi-Nachwuchs der Wilhelma.
Die Lotosblume ängstigt
Sich vor der Sonne Pracht
Und mit gesenktem Haupte
Erwartet sie träumend die Nacht.
(...)
Sie blüht und glüht und leuchtet
Und starret stumm in die Höh’
Sie duftet und weinet und zittert
Vor Liebe und Liebesweh.
(Heinrich Heine)
Erklimmen Sie nun das Obere Parterre. Im Maurischen Landhaus (also den Resten des Schlosses) finden Sie Kakteen aller Arten, und Aphrodisiaka wie Papayas, Zimt, Sternfrucht, Kakao oder Vanille. Im Mittelteil wohnen tropische Vögel und vor allem Nachttiere: Tagsüber herrscht hier Dämmerlicht, und Sie können Flughunde, Mausmakis, Laternenfische und Riesensalamander beobachten. Im anschließenden Warmhaus und dem zweiten Kuppelhaus finden Sie tropische Farne und riesige Baumfarne.
Nun heißt es, noch weiter treppauf zu steigen. Über die sogenannten Subtropenterrassen kommen Sie schließlich zum Belvedere, einem 1851 gebauten maurischen Pavillon, der, wie der Name schon sagt, eine schöne Aussicht über das Neckartal bis zur Grabkapelle auf dem Rothenberg bietet. Hier können Sie etwas Trinken und im Sommer den Pfauen beim Radschlagen zuschauen. Wenn Sie so zu Tal schauen, ist rechts schräg hinter Ihnen noch ein kleines, hübsches Koniferental zu finden, mit Farnen, Wildorchideen, Rhododendren, Alpenveilchen und vor allem den über vierzig 1865 gepflanzten und inzwischen beeindruckend großen Mammutbäumen.
Gehen Sie jetzt wieder über die Treppen des Maurischen Gartens zurück in den unteren Teil der Wilhelma und halten Sie sich eher links. Wenn Sie das Aquarium passiert haben, befinden Sie sich im gleichfalls historischen Äußeren Garten. Ganz links, an der Mauer zur Pragstraße, befindet sich das relativ neue Amazonienhaus. Auf 1.200 m² sieht man in einer künstlich gestalteten Felslandschaft 2000 Pflanzen und verschiedene Tiere aus dem oberen Amazonas-Regenwald. Zwischen Kapok- und Mahagonibäumen finden Sie hier Goldkopflöwen- und andere Äffchen, vor allem aber freifliegende Vögel wie Sonnenrallen, Blatthühnchen, Trompetervögeln, Kolibris und noch 21 weitere Arten. Man muss schon genau hingucken und -hören, um sie zu entdecken! Das alles wird akustisch umrahmt von einem Wasserfall, zu dessen Füßen Kaimane und verschiedene Fischarten leben.
Und wenn Ihnen dies alles noch nicht genug Wilhelma sein sollte, dann können Sie, wie oben erwähnt, in der Damaszenerhalle heiraten, angesichts der Kormorane. Ich wünsche Ihnen alles Glück dazu! Die Damaszenerhalle (sie steht in der Achse von Belvedere, Schloss und Festsaal) wurde nicht mehr von Zanth, sondern nach seinem Tode von Wilhelm Bäumer 1863-64 erbaut, mit Volieren für Fasane und andere Ziervögel.
Wenn hier nicht geheiratet wird, können Sie eine Ausstellung zur Wilhelma-Geschichte betrachten, allerdings ist sie nur stundenweise zugänglich.
Zum Abschluss ein Zoomärchen:
Es war einmal vor langer, märchenlanger Zeit, da sprach Gott zu den Löwen: "Gehet hin und macht Euch die Erde untertan." Und siehe, sie taten es. Von Gott durfte löwe sich kein Bildnis machen, aber wenn sie tief, ganz tief in sich hineingingen, dann sahen sie ein Wesen mit prächtiger Mähne und mächtigen Zähnen. Nach einer Weile bemerkten die Löwen, dass es nur noch ganz wenige Menschen auf der Erde gab. Einige mildtätige Löwen kamen auf die Idee, sie vor ihren Mitlöwen zu schützen und in Gefängnisse zu sperren. Vor den Gefängnissen stellten sie große Schilder auf: "Homo sapiens sapiens europeensis" oder "Homo sapiens sapiens africanensis", denn die Rassen mussten selbstverständlich streng getrennt werden, um den Fortbestand zu garantieren, der in freier Wildbahn leider nicht mehr möglich war. Auch trennten sie die Weibchen von den häufig etwas aggressiveren Männchen. Da es sich um intelligente Wesen handelte, mussten sie beschäftigt werden. Die Weibchen lebten in Gruppen und strickten, die Männchen wurden einzeln gehalten, durften aber täglich neunzig Minuten ins Freie und Fussball spielen. Leider waren die Fussballfelder deutlich kleiner, als die Menschenmännchen es aus der freien Wildbahn gewöhnt waren, und deshalb konnten nur Teams von jeweils fünf Männchen gegeneinander spielen. Aber Grundstückkosten waren hoch und Kompromisse deshalb unumgänglich. In regelmäßigen Abständen wurden ein Männchen und ein Weibchen zusammengeführt zwecks Fortpflanzung. Manchmal wurden die Männchen auch mit anderen Gefängnissen ausgetauscht, um der Inzucht vorzubeugen. Nicht immer waren die Menschenweibchen bereit, die Babies großzuziehen. Trotz der wirklich optimalen Haltung in den Gefängnissen erwürgten einige ihre Babies direkt nach der Geburt oder gaben ihnen keine Milch. Wenn die Löwenwärter dies rechtzeitig bemerkten, nahmen sie die Babies ihren Müttern weg und gaben sie Ammen zur Aufzucht oder kümmerten sich selbst um diese niedlichen Wesen, solange, bis die Säuglinge groß genug waren, um sie wieder zu den Menschenfrauen zu sperren. Selbstverständlich zweifelte keiner der mildtätigen Löwen an, dass es notwendig sei, Menschen hinter Gitter zu sperren, schließlich waren sie, die Löwen, ja schon immer die Herren der Tiere gewesen. Sie bemühten sich auch redlich um die Wiederauswilderung der gezüchteten Menschen, aber regelmäßig kam es dabei zu Rückschlägen, denn die Reservate waren klein und die Menschen konnten meist nicht so schnell rennen wie die Löwen. Auch kam es hin und wieder vor, dass Menschen Löwen angriffen, sei es, dass sie in den Reservaten Pfeil und Bogen schnitzten oder aber, dass sie in den Gefängnissen mit besagten Stricknadeln und ähnlichen Waffen auf ihre Wärter losgingen. Die Menschen, die auf diese Weise Blut gerochen hatten, mussten selbstverständlich getötet werden. Ja, die Zivilisation verlangte schon ihre Opfer! Aber dank der Gefängnisse konnten Löwen und Menschen im Großen und Ganzen wirklich gut miteinander auskommen - und wenn sie nicht ausgestorben sind, die letzten Menschlein, wegen bedauerlicher Fehler im Zuchtprogramm, so leben sie noch heute.
Anschrift: Wilhelma – Zoologisch-Botanischer Garten Stuttgart. Neckartalstraße, 70376 Stuttgart- Bad Cannstatt (Stadtteil Neckarvorstadt), T 0711-5402-0, Fax 0711-5402-222, www.wilhelma.de
Anfahrt: U14 (Wilhelma), U13 (Rosensteinbrücke), Bus 52, 55, 56 (Rosensteinbrücke), S 1, 2, 3 (Bad Cannstatt), 4, 5, 5 (Nordbahnhof) – Fußweg von den S-Bahnstationen ca. 15 Minuten.
Hauptkasse im Sommer geöffnet von 8.15 – 18 Uhr, im Winter bis 16 Uhr, danach Eintritt via Kartenautomaten. Der Park schließt bei Einbruch der Dunkelheit, im Sommer um 20 Uhr. Der Sommereintrittspreis für Erwachsene beträgt z.Zt. € 12,--, Kinder unter 6 Jahren dürfen umsonst mit hinein.