Märchen und Mythen: Definition

Märchen sind modern – wir verwenden sie nur anders: als Fantasy-Roman. Fantasy stürmt sämtliche Bestsellerlisten, man denke nur an Joanne K. Rowlings Harry Potter oder Cornelia Funkes Tintenherz. Auch in den Fantasy-Romanen bricht häufig das Wunderbare in die banale Alltagswelt ein – und am Ende geht alles gut aus. Sie versetzen den Leser ebenso wie das Märchen in eine Anderswelt, aber sie tun dies gern über viele hundert Seiten oder gar drei bis sieben Bände hinweg. Dadurch entsteht für den Leser ein Sog, dem er sich kaum entziehen kann, fast eine Sucht. Wer dem ersten Potter-Band erlegen ist, muss auch alle anderen kaufen, Gesetz der Serie.

Das Märchen hingegen ist eigentlich eine mündliche Erzählung, erfunden von A-Z, und da niemand 3-7 Bände lang an einem Stück erzählen kann, ist es kurz. Es gibt Grimmsche Märchen, die nur eine halbe Druckseite umfassen. Auch Scheherazade hat nicht eine Geschichte von mehreren hundert Seiten erzählt, die Märchen aus 1001 Nacht sind eine Aneinanderreihung vieler Erzählungen, ebenso wie die Grimmschen Volksmärchen oder Andersens Kunstmärchen.

Märchen waren ursprünglich für Kinder und Erwachsene gedacht – und sie sind es eigentlich auch heute noch, siehe die so genannte All-Age-Fantasy, die Erwachsene ebenso in ihren Bann schlägt wie Kinder.

Was macht nun ein gutes Märchen aus? Es führt nicht zu Realitätsflucht, sondern hilft vielmehr, die Realität zu bewältigen. Es macht dies aber keinesfalls platt wie ein Ratgeber, sondern subtil und vielschichtig, indem es die Fantasie beflügelt und Auswege zeigt. Und so kann schließlich auch jemand, der von der Umwelt für einen Dummling gehalten wird, es zum Papst bringen, und hungernde Kinder werden satt und finden nach Hause zurück. Ganz übel sind in diesem Zusammenhang die Moralverse am Ende der Perraultschen Märchen und so mancher Tierfabel oder die Holzhammermoral eines Struwwelpeters. Da schweigt die Fantasie beschämt still und zieht sich in ihr himmlisches Reich zurück, und Tochter Märchen trottet traurig hinterher und schüttelt den Kopf über soviel verknöchertes, autoritäres Oberlehrertum.

Und der Mythos? Der Mythos und die Sage sind nicht wie das Märchen ursächlich erfunden, sondern ursächlich wahr, sie beruhen auf wahren oder als wahr empfundenen Begebenheiten, auch wenn sie uns heute manchmal sehr phantastisch erscheinen mögen. Ein Mythos kann zum Beispiel von der Erschaffung der Welt durch Göttinnen oder Götter erzählen, so wie die Bibel das in der Genesis tut. Der Mythos schafft (religiöses) Wissen durch Erzählung. Manchmal aber wird der Mythos von der Allgemeinheit nicht mehr als Mythos erkannt, sondern nur noch als Märchen – also als ursächlich erfunden. So ist es mit dem Mythos der vorchristlichen Holden Göttin geschehen, aus der eine Holde Frau und schließlich das Märchen von Frau Holle wurde. In dieser Form nun endet der Mythos positiv, denn jeder einzelne Mensch hat die Möglichkeit, sich für ein Leben als Goldmarie oder als Pechmarie zu entscheiden. Als Mythos selbst ist er der Götterdämmerung anheimgefallen und endet historisch wie die meisten Mythen: mit dem Tod der alten Göttinnen und Götter und ihrer Anhängerschaft – hier verursacht durch das Christentum.


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