Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

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Münkler: Die Deutschen und ihre Mythen

Sachbuch für Erwachsene
Autor: Herfried Münkler
606 S. mit 17 s/w-Abbildungen, gebunden
24,90 €

 ***** (5 von 5 Sternen)

Ein dickes, fettes Sachbuch mit unendlich vielen Fußnoten, das ich trotzdem verschlungen habe, so spannend ist es. Wenn nur jeder Professor anschaulich schreiben könnte wie Münkler! Von daher nimmt es nicht Wunder, dass es 2009 den Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse erhalten hat.

Um die kritischen Stimmen gleich vorweg zu nehmen: Ja, das Buch hat Lücken. Auschwitz kommt darin nicht vor, sondern nur Buchenau, und dies auch nicht wegen der Morde an den Juden, sondern weil hier Ernst Thälmann umgebracht wurde, und der Gründungsmythos der DDR auf ihm und dem kommunistischen antifaschistischen Widerstand basiert. Und ja, das Buch ist ganz gewiss nicht militärfeindlich. Das nimmt ebenfalls nicht Wunder, denn Herr Münkler ist Spezialist für Kriegstheorie, Macchiavelli, Imperien, Gewalt und Ordnung. Er ist nicht Spezialist für Matriarchatstheorie und Pazifismus. Aber er ist auch noch Spezialist für jemand anderen, und darin unterscheidet er sich von so manchem konservativen Bildungsbürger unserer Tage: für Heinrich Heine, den lebenslustigen, getauften Juden, der nicht nach Germanenart zu zechen verstand und aus Deutschland nach Frankreich fliehen musste.

Und: Ohne Mut zur Lücke kann man kein packendes Sachbuch schreiben, sondern nur ein detailliertes, zumeist staubtrockenes Fachbuch, das eine Auflage von 1.500 Exemplaren nicht überschreiten wird. Worum geht es also in diesem Reißer?

Es geht darum zu zeigen, welche Mythen die deutsche Geschichte beeinflusst haben, manchmal zum Guten, zumeist aber zum Schlechten, darum, was machthungrige Politiker aus kleinen, unscheinbaren Mythchen so gemacht haben. Vieles davon habe ich schlicht nicht gewußt. Deutsche Nationalmythen, das sind der Kaiser Barbarossa, der König Friederich...., die Nibelungen rauf und runter, und Dr. Faust, habe nun ach. Hinzu kommt der Kampf gegen Rom: Tacitus, die Hermannsschlacht, der täglich mit welschen Teufeln kämpfende Herr Luther und natürlich der Gang nach Canossa. Preußische Mythen dürfen nicht fehlen: der gichtige, ungepflegte Friedrich der Große, Königin Luises Rendezvous mit Napoleon und das Attentat vom 20. Juli 1944. Burgen und Städte, darin die Nürnberger Meistersinger oder die Antwort auf die Frage, warum es am Rhein so schön ist (und nicht etwa an der Fulda), vielleicht wegen der Loreley?

Und last but not least: politische Mythen nach dem 2. Weltkrieg. Von denen hatte die DDR recht viele zu bieten: den antifaschistischen Widerstand, wie gesagt, aber auch Thomas Müntzer, und, da die Bauernkriege ja mit einem Massenmord an den Bauern endeten, was nicht gar so positiv war, hat man dann auch gleich noch Luther vor den mythischen Karren gespannt - obwohl nun just jener die Fürsten gegen die Bauern unterstützte. Aber lebendige Mythen lassen sich umformen, kritisieren, weiterentwickeln und manipulieren. Das Problem der DDR: Mythenpolitisch hatte sie so einiges zu bieten, ökonomisch nicht. Genau umgekehrt ging es in der Bundesrepublik zu, die sich bei ihrer Gründung wegen der Teilung Deutschlands nur als Provisorium verstand. Kein Gründungsmythos, kein politischer Orientierungsmythos, sondern nur und ausschließlich wirtschaftliche Mythen: Bei der Währungsreform haben wir angeblich alle mit 40 D-Mark angefangen (falsch!). Trümmerfrauen, Wirtschaftswunder, das Wunder von Bern, der millionste Käfer. Wer fleißig ist, der kommt voran. Damit lebt sich´s bequem, aber es formt sich keine politische Identität. Nach der Wiedervereinigung versuchte man´s denn auch mit unserer demokratischen Verfassung, dem Grundgesetz, zur Identitätsstiftung, aber nur auf intellektuellem, nicht auf emotionalem Niveau. Und so gibt es statt mythischer Großerzählungen in den letzten zwanzig Jahren bei uns nur noch kurzfristige Slogans von BILD-Redakteuren und Marketingstrategen: "Wir sind Papst." "Du bist Deutschland." In Frankreich, Polen, den USA.... sieht das ganz anders aus. Münkler stellt abschließend die Frage, wie lange eine Nation sich den Verzicht auf identitätsstiftende Mythen leisten kann.

Vorschlag: Da auch ein Dr. Faust zum Mythos avancieren konnte: Wie wäre es heute im Gegenzug mit einem matriarchalischen Mythos um die Venus von der Schwäbischen Alb, Frau Holle, die Percht und Sibylle von der Teck zusammen?

Zum Bestellen des Münklerschen Mythenwerks können Sie auf folgenden Link klicken: http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3871346071/holleland-21

(c) Rowohlt Berlin Verlag, 2009


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