Die Sagenfigur der schwäbischen "Sibylle von der Teck" weist viele Parallelen zu den nordhessischen Sagen rund um Frau Holle sowie um die germanische Göttin Freya auf. Eventuell kennen Sie Kirchheim-Teck wegen der Autobahn-Staumeldungen. In der Nähe von Kirchheim befindet sich der Ort Owen, dessen Hausberg von der Burg Teck gekrönt wird. Etwas unterhalb der Burg befindet sich die Sibyllenhöhle, die man auch heute noch (mit gutem Schuhwerk!) besuchen kann. Und so geht die Sage (von mir stark stilistisch überarbeitet):
"Vor uralter Zeit bargen die Felsenhöhlen des Teckberges noch unermessliche Schätze an Gold und Edelsteinen. Dort wohnte eine Frau, die die Leute Sibylle nannten, denn sie konnte hellsehen. Vielen, die zu ihr kamen und um Rat baten, half sie aus ihrer Bedrängnis, und überall rühmte man die Weisheit der Frau vom Teckberg. Am meisten aber schätzten die Leute ihre Liebe und Güte, und niemand, der sich in seiner Not an sie wandte, stieg vergeblich den steilen Weg zu ihr empor.
Die Edelfrau war von hoher Gestalt und trug meist ein schlichtes weißes Gewand, das bis zur Erde reichte. Am auffälligsten aber waren die Augen der weisen Frau, die oft traurig schienen, weil sie die Zukunft sahen, die aber auch gütig und heiter blickten, wenn Sibylle den Dank der Beschenkten entgegennahm.
Die Leute im Land um die Teck lebten glücklich und zufrieden, bis die drei Söhne der Sibylle die Macht übernahmen. Sie wohnten zuerst in ihrem Schloss auf dem Wielandstein, bekamen dann aber Streit und schieden im Unfrieden. Der älteste baute sich auf dem Teckberg, oberhalb der Felshöhlen seiner Mutter, eine Burg, der zweite blieb auf dem Wielandstein, und der dritte hauste fortan in einem Schloss auf dem Diepoldsfelsen.
Wenn sie aber auf Raub ausgingen, fanden sich die Brüder immer wieder zusammen und zogen hinunter ins Lenninger Tal, durch das eine wichtige Handelsstraße führte. Dort verbargen sie sich, brachen aus ihren Verstecken hervor, wenn ein Handelszug nahte, rissen die Knechte vom Wagen, erschlugen und erstachen, was sich wehrte, und brachten die Beute in ihre Felsennester. Die Kaufherren warfen sie in die Burgverliese, wo sie ausharren mussten, bis ihre Angehörigen hohe Lösegelder zahlten. Und konnten diese nicht die geforderte Summe aufbringen, mussten die Gefangenen bis an ihr Lebensende im Kerker schmachten.
Auch die Bauern litten unter der Willkür und Habsucht der Söhne. Oft mussten sie fronen und hatten kaum Zeit, die eigenen Felder zu bestellen. Und brachten sie dann doch ihre Ernte ein, so forderten die Herren den Zehnten und sogar noch mehr, als ihnen nach den Gesetzen zustand. Am härtesten und grausamsten war der Jüngste, der auf dem Diepoldsfelsen hauste, und die Leute fürchteten ihn am meisten. Man nannte ihn und seine Burg deshalb den Rauber. Sogar seine eigene Mutter bestahl er.
Sibylle mühte sich, das von den Söhnen begangene Unrecht gutzumachen, als aber am Ende niemand mehr wagte, offen zu ihr zu kommen, beschloss sie, ihre Heimat zu verlassen. Eines Abends fuhr sie mit einem goldenen Wagen, den zwei Wildkatzen zogen, zum Felsentor hinaus. Ihre langen roten Haare flatterten im Wind und sprühten Funken. Quer über die Lenninger Talaue lenkte sie den Wagen hinüber nach Beuren, und dort auf einem Hügel wurde sie zum letzten Mal gesehen. Seitdem heißt der Ort "Sibyllenkappel".
Selbst bei ihrem Auszug beschenkte sie die Menschen: Heute noch ist ihre Wagenspur zu erkennen, denn dort, wo sie entlangfuhr, trägt das Korn reichere Frucht, und sogar das Laub der Bäume und Weinreben ist dunkler und üppiger als andernorts.
Wie ihre Söhne endeten, weiß niemand. Vielleicht haben sich die Unterdrückten eines Tages zusammengetan und die Raubnester ausgehoben, denn heute zeugen nur noch Mauerreste von den einst so gefürchteten Burgen."
Soweit die Sage. Das mit der Burg Teck stimmt nicht so ganz - Sie können dort heute wieder essen und trinken gehen. Auf dem Berg wachsen sehr seltene Blumen, und die Wagenspur gibt es tatsächlich: Wissenschaftler vermuten, dass dort zur Römerzeit der Abfall hingeworfen wurde und deshalb die Vegetation reicher ist. Die Struktur der Geschichte erinnert an den Auszug der Frau Holle (also den Übergang von matriarchalischen in patriarchalische Strukturen), siehe dazu auch das Holle-Buch von Heide Göttner-Abendroth im Märchen-Mythenshop (http://www.holleland.de/content/goettner-abendroth-frau-holle-und-das-fe...). Verquickt werden in der Sage verschiedene Zeitebenen, denn zur Zeit der römische "Wagenspuren" gab es natürlich noch keine mittelatlerlichen Raubritterburgen…
Der Sagentext ist von mir stark überarbeitet und entkitscht. Das Original finden Sie in: Manfred Wetzel, Vom Mummelsee zur Weibertreu. Die schönsten Sagen aus Baden-Württemberg. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, 1997.
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